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Story / Chapter Flow

8 Objects · 46Stories · 128 Chapters · 4 Themen

Themen
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Drei Brüder Juwel
Der King of Bling

Juwelen waren ein wesentlicher Bestandteil der Inszenierung und Darstellung von Macht und Majestät am burgundischen Hof.

Edelsteine spielten eine zentrale Rolle in der Selbstdarstellung der Herzöge. Indem sie sich mit den kostbarsten Steinen schmückten, ließen sie sich in einem göttlichen Glanz erstrahlen. Juwelen waren nicht nur wertvolle Handelswaren, sondern galten auch als wunderbare Schöpfungen Gottes – eine Eigenschaft, die sich die Herzöge selbst zuschrieben. Das Schmuckstück «Die Drei Brüder», das Philipp der Kühne 1398 in Auftrag gab, vereinte große und extrem teure Steine in einem neuen, schlichten Stil, der das Schmuckstück und seinen Träger noch heller erleuchten ließ.

Link"Shine bright like a diamond"

Glänzende Oberflächen aus Silber, Gold und Edelsteinen unterstrichen die strahlende Pracht der burgundischen Herzöge: ein wichtiges politisches Instrument.

Die neuen, eleganten Formen der spektakulären burgundischen Juwelen wie die Drei Brüder wurden über Generationen als Erbstücke weitergegeben.

Berühmte Schmuckstücke, die mit den teuersten Steinen besetzt waren, trugen oft eigene Namen, wie eben die Drei Brüder. Solche Juwelen erscheinen häufig in Porträts der burgundischen Herzöge, wodurch Glanz mit Dynastie verbunden wurde. Zwar erscheint das Drei Brüder in keinem dieser Porträts , doch belegen Archivaufzeichnungen und Inventare sein außergewöhnliches Gewicht und Wert. Zusätzlich hing ursprünglich eine goldene Ginsterschote an den Drei Brüdern – ein dynastisches Symbol der französischen Königsfamilie, zu der die Herzöge von Burgund als Nebenlinie auch gehörten.

Ein finanzieller Glücksfall für Basel?

Beute war ein zentraler Bestandteil der vormodernen Kriegsökonomie – sie diente dazu, Soldaten zu bezahlen.

Beutestücke zu Geld zu machen war Teil der gängigen Praxis, Kriegsbeute in lokale Wirtschaftskreisläufe einzubringen. 1502 beschlossen die Basler Ratsherren, die Juwelen zu verkaufen, die sie nach Grandson an sich genommen hatten – darunter auch die Drei Brüder, um Schulden auszugleichen. Sie hielten sie den Verkauf geheim. Lebensgroße Aquarelle der Schmuckstücke wurden angefertigt, um Käufer zu gewinnen. Dank dieser Zeichnungen wissen wir heute, wie die Juwelen aussahen. 1504 kaufte Jakob Fugger («der Reiche») und seine Brüder, das Konvolut für stolze 40.700 Gulden.

LinkVerkaufen oder Erhalten?

Je nach Objekt und Situation wurden wertvolle Beutestücke behalten und als Trophäen inszeniert oder zu barer Münze gemacht.

Basel hielt den Verkauf der Juwelen jahrhundertelang geheim

Basel hielt seine Rolle beim Verkauf der Juwelen jahrhundertelang geheim. Obwohl die Details gut dokumentiert waren, wurden die Unterlagen im Stadtarchiv versteckt. Die Lücke in den historischen Aufzeichnungen – und die Rolle Basels beim Handel mit den kostbaren Juwelen Karls des Kühnen – blieben verborgen, bis Historiker im 19. Jahrhundert die Dokumente und später auch die Zeichnungen entdeckten, die für den Verkauf der Edelsteine angefertigt worden waren. Auf diese Weise wurde künstlich eine Lücke in den historischen Aufzeichnungen geschaffen und aufrechterhalten.

Mehr Glanz in Augsburg

Um die Juwelen Karls des Kühnen gewinnbringend weiterzuverkaufen, präsentierten die Fugger sie den Habsburgern als vermeintliche Familienerbstücke.

Die Fuggers investierten eine enorme Summe, überzeugt, daraus Profit zu schlagen. Ihre idealen Käufer waren die Habsburger: Karls Tochter Maria von Burgund war mit Maximilian von Habsburg verheiratet. 1513, nach langen Verhandlungen, erwarben die Habsburger zwei der Juwelen – nicht jedoch die Drei Brüder. 1555 ließen die Fugger zu Ehren der Habsburger ein prächtiges Manuskript anfertigen, den «Ehrenspiegel des Hauses Österreich». Darin zeichneten sie die Herkunft der burgundischen Juwelen nach. So betonten sie den symbolischen Glanz königlicher Juwelen.

Für die Bilder im Ehrenspiegel, die angebliche Erbstücke der Habsburger Familie lobten, stützten sich die Fugger auf die Basler Verkaufszeichnungen.

Die Juwelen Karls des Kühnen, die in Grandson und Murten erbeutet wurden, sind heute nur noch dank der Verkaufszeichnungen bekannt. Diese fertigten die Basler an, um die Kaufmannsfamilie Fugger aus Augsburg zum Kauf zu exorbitanten Preisen zu verleiten. Diese Zeichnung der «Drei Brüder» wurde dann auf Pergament kopiert für einen Entwurf des «Ehrenspiegels». In einer redigierten Fassung dieses Werks zu Ehren der Habsburger wurde die Zeichnung erneut kopiert. So entstand im Zusammenhang mit dem Juwelenverkauf eine Kette von Kopien. #@ Sasha: richtig so? (MaSu)

LinkCopycats

Die Bewahrung von Erinnerungen, Erbstücken und Gegenständen führte oft zur Entstehung von Kopienketten in verschiedenen Medien.

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Erbstücke am englischen Hof

Die Drei Brüder gelangten in den Besitz der englischen Krone und wurden dort zum Symbol des Königshauses – getragen von Königinnen und Königen.

Am englischen Hof diente das Tragen üppiger Juwelen der Darstellung königlicher Pracht. Heinrich VIII. war berühmt für seine Leidenschaft für prächtige Steine – eine Vorliebe, die er an seine Kinder weitergab. Eduard VI. erwarb die Drei Brüder und brachte sie nach England. Elisabeth I. ließ sich mehrfach mit dem Schmuckstück porträtieren. Später erscheint das Juwel auch in Porträts von Jakob I., der es von Elisabeth erbte. Das Tragen dieses Schmuckstücks unterstrich nun den Reichtum und die Kontinuität der englischen Krone.

Während des englischen Bürgerkriegs versuchten Karl I. und seine Frau Henriette Maria zweimal, das Juwel zu verkaufen und verloren es 1645 endgültig.

1649 verlor Karl I. sein Leben. Schon davor war das Schmuckstück verschwunden: Das Juwel wurde schon 1625 verpfändet und wieder eingelöst. 1642 brachte Königin Henriette Maria die Brüder auf den Kontinent, um es zu verkaufen und Geld für die Armee ihres Mannes zu beschaffen. In Den Haag fand sie keinen Käufer, kehrte mit dem Schmuck zurück nach London. Am englischen Hof hatte das Juwel eine symbolische Bedeutung – als Erbstück und als Verstärker der Aura der Krone. Im Pfandhaus und auf dem Markt jedoch machte gerade diese Geschichte den Stein schwer verkäuflich: Er galt als «heißes» Objekt.

Im Verlauf des englischen Bürgerkriegs versuchen Charles und Henriette Maria, das Juwel zu verkaufen und in 1645 verschwand es: eine Lücke entstand.

Als es 1644 für das englische Königshaus schlecht aussah, floh Henrietta Maria nach Paris und nahm das Juwel erneut mit, wo es an die niederländischen Händler Thomas Cletcher und Joachim de Wiquefort weitergegeben wurde. Die letzten Spuren des Juwels finden sich in Briefen aus dem Umfeld der Königin, die das Juwel in den Händen des Händlers lokalisieren. Sie hat es nie zurückgekauft. 1645 verliert sich die Spur der drei Brüder. Wahrscheinlich wurde es zerlegt, neu gefasst und weiterverkauft.

Gestohlene Juwelen im Museum?

Die legendären burgundischen Juwelen, darunter die Drei Brüder, sind verschwunden. Wie kann man eine Geschichte des verlorenen Erbes heute ausstellen?

Die Geschichte dieses Schmuckstücks ist eine voller Glanz, Geheimnisse, Begierde und Verlust. Heute existieren die meisten der kostbaren Schmuckstücke Karls des Kühnen nicht mehr – sie wurden geraubt, verpfändet, zerlegt oder verkauft. Wir kennen sie nur durch Nachbildungen, die teils eigens angefertigt wurden, um ihr Verschwinden zu verschleiern. Wie lässt sich diese Geschichte dennoch zeigen? Historische und zeitgenössische Reproduktionen scheinen das verlorene Erbe erfahrbar zu machen, jedoch lässt sich die Lücke im Zentrum der Geschichte nie richtig füllen.

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Verlorenes Juwel neu entdeckt

November 2025 tauchte plötzlich ein vermeintlich verlorenes Diamant von Karl der Kühne in einer Kanadischen Bank wieder auf: der Florentiner. Nach deren Abdankung 1918 sind die letzten Habsburg Kaiser und Kaiserin in Exil gegangen, erst in die Schweiz und schliesslich nach Kanada, wo Kaiserin Zita einige kostbare Juwelen, u.a. das Diamant genannt «Florentiner» in einer Bank versteckt. Ihre Kinder haben geschworen, das Geheimnis über 100 Jahre zu behalten. Nun ist das verschollene Stein wieder da. Wem soll es aber gehören, der Familie oder der Österreichische Staat?

Neu fassen und weiterverkaufen

Edelsteine wechselten oft den Besitzer. Besondere Stücke wurden von Herrschern häufig verpfändet, um Geld zu beschaffen, oder von Rivalen erworben.

Der Händler Thomas Cletcher aus Rotterdam übernahm zahlreiche Juwelen der englischen Krone in der Zeit vor der Revolution – darunter die Drei Brüder (die er möglicherweise neu schliff und in «Die Drei Schwestern» umbenannte) sowie den berühmten Sancy-Diamanten. Beide stammten aus der Burgunderbeute und Karl des Kühnen glanzvollem Besitz. Cletcher war der letzte bekannte Besitzer der Drei Brüder; die englische Krone erlangte sie nie zurück. Er starb 1666.

verwerten

Juwelen hatten unterschiedliche Bedeutungen: Sie waren Erbstücke, Wertanlagen und modische Accessoires – und Mode ändert sich ständig.

Mit der Einführung von gusseisernen Schleifrädern im 17. Jh. entwickelten Diamantschleifer neue, facettenreiche Formen wie der Rosen und Brilliantenschliff, die durch einen erhöhtes Glanz erzeugten. Frührere Schmuckstücke wie die Drei Brüder zeigen einfache Schliffe wie Spitze, Tafel oder Rückenform.Fassungen wurden auch schlichter, um die Steine besser zur Geltung zu bringen. Als Henriette Maria die Drei Brüder an Cletcher verpfändete, war diese Mode längst im Wandel. Vielleicht erkannte Cletcher , dass sich die Steine einzeln besser verkaufen ließen, wenn er sie zeitgemäß neu schliff.

LinkHerschen und das Beherrschen von Technik

Macht wird in Objekten immer auch durch überlegene Technik deutlich gemacht. So unterschiedliche Dinge wie Juwelen und Geschützrohre zeigten neue Verarbeitungstechniken und Design, die schon bald wieder veraltet waren.

Feinde exotisieren

Schweizer Propaganda verglich Karl den Kühnen oft mit Sultan Mehmed II. – dem Sinnbild des ‚fremden», gewaltvollen Herrschers.

Karl wurde als «Türke des Westens» dargestellt, als blutrünstiger Tyrann, gierig nach Macht, Luxus und Juwelen. Als die Fugger-Familie den Habsburgern 1555 ihren genealogischen «Ehrenspiegel des Hauses Österreich» überreichte, verglichen sie Karls prächtigen Hut mit dem juwelenbesetzten Helm Sultan Süleymans des Prächtigen. Beide Objekte wurden später zerlegt, ihre Edelsteine sind verloren. Beide Hüte verklären den Blick auf die reale politische Sachlage.

verklären

Der Ruf Karls des Kühnen als blutrünstig, paranoid, sexuell unkonventionell und despotisch hielt über Jahrhunderte hinweg an.

Der Ruf Karls des Kühnen als grausamer, paranoider und ausschweifender Herrscher hielt sich über Jahrhunderte. Noch im 18. Jahrhundert verbanden Bilder und Texte den Herzog und seine Schätze mit einem orientalischen «Anderen». In einem Neujahrsdruck von 1745 ist das burgundische Lager bei Grandson fantasievoll mit Kamelen, Eseln und Männern «à la Turque» bevölkert. Aufklärerische Stimmen in der Schweiz behaupteten sogar, der Glanz der burgundischen Beute habe die männliche Stärke und Moral der Eidgenossen verdorben.

Steine aus fernen Welten

Edelsteine gelangten aus fernen Regionen nach Europa. Daher waren sie mit einem Hauch von Geheimnis und exotischer Fantasie verbunden.

Edelsteine kamen aus fernen Ländern und galten daher als geheimnisvoll und exotisch. Da Europa arm an Edelsteinen war, stammten sie aus Asien: Diamanten aus Indien, Rubine aus Birma, Lapislazuli aus Afghanistan. Ihre Seltenheit und der schwierige Transport machten sie besonders begehrenswert. Edelsteine galten als Boten ferner Paradiese, fremder Reiche und mächtiger Höfe. Um sie zu erwerben, mussten Händler große Distanzen überwinden und mit unbekannten Sprachen, Bräuchen und Märkten umgehen. Edelsteine waren echte Globalobjekte.

Juwelen waren nicht nur Träger von Wert und Reichtum, sondern man glaubte , dass sie Wissen und Kräfte enthielten, die Herrscher besitzen wollten.

In der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Welt glaubte man, dass Edelsteine mit «Tugenden» versehen seien, die ihnen spezifische Kräfte verliehen. Diamanten (Latein adamas, «unbezwingbar») wurden mit schützenden Kräften in Verbindung gebracht und sollten Feinde abwehren – Eigenschaften, die sie bei Herrschern besonders beliebt machten. Rubine galten als Gegengift. Ein Schmuckstück wie die «Drei Brüder» vereinte verschiedene Steine und ihre jeweiligen Kräfte in einem einzigen ästhetischen Ensemble. Bücher, genannt Lapidarien, vermittelten Wissen über Steine in Text und Bild.

Banner
Eroberte Flaggen – Objekte der Ehre

Fahnen verkörperten auf dem Schlachtfeld und im öffentlichen Raum in symbolischer Form wichtige Persönlichkeiten, etwa die burgundische Herzoge.

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit waren Fahnen wichtige Symbole der Identität. Bei städtischen Festen verkündeten sie allen Anwesenden, wer da war. Auf dem Schlachtfeld dienten sie der Truppenorganisation: Die Truppe hatte sich unter ihrer jeweiligen Fahne zu versammeln. Dadurch wurden Fahnen zu symbolträchtigen und hoch geschätzten Objekten, die oft aus glitzernden Seide und funkenden Metall hergestellt wurden, wie im Fall der Herzöge von Burgund. Der Glanz und Glitzer dieser im Wind wehenden Flaggen verstärkte die Aura und Strahlkraft des burgundischen Herrschers und seines Gefolges.

LinkPrallen und Strahlen

Das Gefunkel von glitzernden Materialien verkörperten den hohen Status der Herzogen von Burgund, die strahlten wie die Sonne und Sterne im Himmel.

Flaggen symbolisierten nicht nur Identität, sondern auch Triumph und Niederlage.

Flaggen und Banner spielten im späten Mittelalter eine wichtige symbolische Rolle bei der Darstellung von Machtverhältnissen. Sie konnten beispielsweise dazu dienen, freudige Ankünfte anzukündigen oder die Harmonie zwischen Bürgern und Herrschern zu demonstrieren, wenn Flaggen nebeneinander gehisst wurden. Umgekehrt symbolisierte die Übergabe von Flaggen nach einem Konflikt Demütigung und Niederlage.

Beten unter Beute

Die Eidgenossen hängten im Kampf erbeutete Fahnen in Kirchen auf, da diese als quasi-heilige Gegenstände galten.

Wenn die Eidgenossen auf dem Schlachtfeld Fahnen erbeutet hatten, hängten sie diese in ihre Kirchen. Gott hatte ihnen ja den Sieg geschenkt. Aus militärischen Feldzeichen machten die Eidgenossen Siegeszeichen. Jährliche Feierlichkeiten zu bestimmten Schlachten waren Anlässe, bei denen die Gemeinschaft sich mit den Heldentaten der Vorfahren verbinden konnte. Diese hatten einen gemeinsamen Feind besiegt und dessen Fahnen nach Hause gebracht hatten. Solche Rituale stärkten den Zusammenhalt der Gemeinschaft und vermittelten ein historisches Bewusstsein. In Zürich hingen sie in der Wasserkirche.

LinkGeschichte und Gemeinschaft

Symbolträchtige Objekte wie erbeutete Fahnen und Rüstungen spielten eine gemeinschaftsstiftende Rolle in verschiedenen Epochen

verwerten

Bei jährlichen Zeremonien in der Kirche wurden die Flaggen in Rituale integriert, die Berichte über vergangene Schlachten lebendig werden ließen.

Bei «Schlachtjahrzeiten», wurden in der Kirche Berichte über Schlachtsiege und die Namen von Soldaten verlesen, um die Erinnerungen an vergangene Siege für die versammelte Gemeinde lebendig zu halten: Geschichten wurden propagiert und verklärt. Die von der Decke hängenden Fahnen waren wie Reliquien: blutbespritzte Erinnerungsstücke für hart erkämpfte Siege der Vorfahren. Die Fahnen waren öffentliche Symbole, die Geschichte greifbar und präsent machten. Diese Zeremonien bildeten manchmal die Grundlage für spätere illustrierte Geschichtswerke, sogenannte Chroniken, wie von Diebold Schilling.

verklären

Die Siege bei Murten und Grandson wurden in Liedern verewigt und weitergegeben mit einer einfachen Botschaft, die unterschiedliche Stimmen vereinte.

Neben Gedenkfeiern in Kirchen waren Lieder eine beliebte Form, den Sieg über die Burgunder zu feiern. Veit Webers Lied von der Schlacht bei Murten vermittelt zum Beispiel eine einfache Botschaft, die unterschiedliche Stimmen vereint. Wie die lokalen Fahnen, die Weber beschreibt, konnte das Singen unterschiedliche Orte zusammenbringen, ohne dass diese ihre Autonomie verloren. Fahnen waren für die Eidgenossen ebenso wie polyphone Melodien ein wirkungsvolles Mittel, lokalen Patriotismus zu pflegen und trotz politischer Rivalitäten an einen kollektiven Sieg zu erinnern.

LinkUnity in Diversity?

Bestimmte Medien waren gut geeignet, um trotz politischer Differenzen eine Botschaft der Einheit der Eidgenossen und später der Schweiz zu vermitteln.

Reproduzierbare Erinnerungen oder Fahnen schlecht gezeichnet / einfacher: Kampf gegen den Zerfall / oder: Zerfallende Fahnen - zerfallende Erinnerungen?

Fahnen zerfallen schnell. Um die Erinnerung an die Trophäen zu bewahren, begannen die Eidgenossen Kopien anzufertigen.

Auf dem Schlachtfeld beschädigt, in Kirchen aufgehängt: Das Leben einer Fahne war kurz. Dennoch waren diese brüchigen Objekte unmittelbare Zeugnisse gewonnener Schlachten und Träger des historischen Gedächtnis. Die Eidgenossen begannen daher, Kopien anzufertigen. Manche Kopien waren echte Repliken aus Stoff, oft aber wurden Fahnen abgezeichnet, inventarisiert und in «Fahnenbüchern» aufbewahrt. In Zürich wurden die Fahnen im Zeughausinventar abgemalt. Diese Kopien vermitteln dauerhafter als die Originale, wie die nun zerfallenen Fahnen mal ausgesehen haben können.

verordnen

Fahnenkopien hatten viele Formen: Repliken aus Stoff, Zeichnungen auf der Wand oder in Büchern. Kopien häuften sich. Welche Erinnerungen sind echt?

Als die erbeuteten Fahnen zerfielen und die unmittelbare Erinnerungen an die Siege auf dem Schlachtfeld verblassten, verbreiteten sich Kopien der beschädigten Trophäenbanner. Die Stadt Luzern liefert ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie kopierte Fahnen in verschiedenen Medien verbreitet werden konnten. Diese Kopien von Kopien von Kopien, also Kopien über mehrere Generationen, werfen die Frage auf: Welche Erinnerungen sind echt – und wie echt sind sie denn?

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Ersatzstücke, die wehen

Eine Art von Kopie ist als Gebrauchskopie bekannt – dabei handelt es sich um Kopien auf Stoff, die die Objekte materiell ersetzen konnten, obwohl sie nicht so aufwendig verziert waren. Im Historischen Museum in Bern wird eine Fahne, die Antoine von Burgund zugeschrieben wird, seit den 1940er Jahren als eine dieser sogenannten «Gebrauchskopien» gekennzeichnet.

Fahnenbücher halten## geht das etwas ausführlicher? (MaSu, 16.3.26), zB Auch zerfetzte Fahnen werden sorgfältig abgemalt.

Neben Gebrauchskopien fertigten die Eidgenossen auch Zeichnungen ihrer Beutefahnen in Büchern an, als historisches Verzeichnis ihrer Siege. Manchmal zeichneten sie die Fahnen in Bewegung, andere als flache ausgelegte Zeichen. Im Fahnenbuch von Luzern, welches selber mehrmals kopiert wurde, finden wir auch zerfetzte Fahnen abgebildet. Als Banner sind sie nicht mehr zu erkennen, aber sie erscheinen sie als Zeichen hart erkämpfter Siege und vollständig besiegter Feinde. Die mediale Übersetzung in eine Zeichnung ermöglichte so den Erhalt von vergänglichen Erinnerungen aus Stoff.

Von Kirche zum Zeughaus bis ins Museum

Im 16. Jahrhundert verlagerte Zürich seine Fahnen von der Wasserkirche ins Zeughaus, wo sie inventarisiert, ausgestellt und aufbewahrt wurden.

1528 verlegte die Stadt Zürich ihre Fahnen von der Wasserkirche zunächst in speziellen Kisten ins Rathaus und dann ins Zeughaus, wo sie inventarisiert, aufbewahrt und ausgestellt wurden. Zur Ausstellung der Beutefahnen in der Kirche äusserte sich der Reformator Heinrich Bulliger wie folgt: «Es wurde auch als christlich, freundlich und aufrichtig angesehen, die Zeichen sichtbar auszustellen und sie sogar öffentlich hängen zu lassen, wodurch täglich neue Ressentiments geschürt wurden.» Mit dem Umzug ins Zeughaus erhielten die Fahnen einen neuen profanen und militärischen Kontext.

LinkZeughäuser als Schaudepot?

In der frühen Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert waren städtische Waffenkammern wichtige Orte, an denen die Stadt ihre militärische Macht und historische Triumphe zur Schau stellte.

Nach der Gründung des modernen Schweizer Staates im Jahr 1848 wurde beschlossen, ein neues Nationalmuseum zu errichten, das unter anderem als Denkmal für die ruhmreiche militärische Vergangenheit dienen sollte.

In den 1880er Jahren brach ein Wettbewerb zwischen Schweizer Städten darüber aus, welche Stadt ein neues nationales Geschichtsmuseum bauen würde, wobei Zürich den Zuschlag erhielt. Der Architekt Gustav Gull entwarf das Museum, das 1898 eröffnet wurde. Das Herzstück und der Höhepunkt der Museumsgestaltung war die sogenannte Ruhmeshalle, in der Waffen, Rüstungen und Flaggen ausgestellt waren, die an die glorreichen Erfolge der Schweizer Militärkampagnen, darunter die Burgunderkriege, erinnerten.

LinkWeg mit Schätzen und Trophäen

Die Reformation führte zu Verschiebungen und Zerstörungen der alten Kriegs- und Glaubensschätze

Requisiten eines Panoramas

1894 eröffnete in Zürich ein aufregendes Panorama der Murtenschlacht, gemalt von Louis Braun. Fahnen machten das dargestellte Kampfgetümmel lesbar.

Louis Braun war einer der erfolgreichsten Panoramamaler seiner Zeit. 1894 eröffnete in Zürich seine Darstellung der Murtenschlacht. Das Panorama war ein Format, das Betrachter*innen vollständig umgab. Braun recherchierte historische Objekte wie Fahnen, um historische Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Fahnen waren wichtig Bildelemente, da sie es den Betrachtenden ermöglichten, die Akteure im Kampfgeschehen zu identifizieren. Braun nutzte daher Fahnenbücher, um seine Schlachtszenen zugleich authentisch und lesbar erscheinen zu lassen, auch wenn viele Aspekte davon von Fantasie durchdrungen waren.

LinkFalsche Trophäen?

Bei verschiedenen Inszenierungen -- bei Festumzügen, Ausstellungen oder im mächtigen Panorama -- wurden "echte" Beutestücke und Nachahmungen gemeinsam zu einem farbigen Geschichtsbild ohne Lücken kombiniert.

Fahnen und Tänzerinnen

Zu bestimmten Momenten der Geschichte wuchs erneutes Interesse an erbeuteten Fahnen, z.B. im 19. Jahrhundert wo sie in Festspiele integriert waren.

Im 19. Jahrhundert waren üppige historische Festspiele beliebt. Städte, ebenso wie die neu gegründete Nation konnten so Erzählungen über ihre Vergangenheit inszenieren. Die Burgunderkriege waren oft Themen dramatischer Aufführungen. Aufwendige Kostüme sowie Nachbildungen erbeuteter Fahnen wurden von den Teilnehmenden als Mittel zur Darstellung der Vergangenheit mitgeführt. Da Fahnen in ihrer Symbolik leicht erkennbar waren, ermöglichten sie es einem großen Publikum, die Akteure des historischen Dramas zu identifizieren. Sie verliehen auch fiktive historische Glaubwürdigkeit.

LinkGeschichte Erfinden und Feste Feiern

Feste und Feierlichkeiten dienten dazu, politisch nützliche historische Narrative zu fördern, die Machtkämpfe überdecken konnten.

verklären

Geistige Landesverteidigung? Schweizerische Abgrenzung im zweiten Weltkrieg

In den 1930er-Jahren entstand als kulturelle Entwicklung der Antrieb, die Schweiz von Nazi Deutschland abzugrenzen. Die sogenannte «Geistige Landesverteidigung» versuchte, eine schweizerische Identität zu festigen, die auf gemeinsamen «schweizerischen» Werten beruhte. Einige davon waren verknüpft mit dem Erbe der Siege über «fremde Tyrannen» wie die Burgunder und Karl der Kühne. In diesem Zusammenhang wurden Fahnen zu einem Mittel der Identitätsbildung. Sie wurden Teil von Büchern, Postkarten und Texten, welche die Siege der Schweiz in der Vergangenheit einem breiten Publikum vermittelten..

Aufbewahren und Verdecken: die Stofflichkeit der Geschichte

In der Nachkriegszeit sahen die Schweizer Geschichtsmuseen vergangene militärischen Siege nicht mehr als Priorität an: eher das Gegenteil!

Während in den 1930er Jahren die Schweizer Militärgeschichte und die mittelalterlichen Siege über ausländische Mächte wieder verstärkt national propagiert wurden, wandte man sich in der Nachkriegszeit neuen Geschichten und Erzählungen über die Schweizer Identität zu. In historischen Museen wie dem Landesmuseum in Zürich wurde die seit der Gründung des Museums zu sehende eindrucksvolle Ausstellung von Flaggen, Kanonen und Waffen gestrafft. Die trophäenartige Präsentation von Militaria wich einem zurückhaltenderen Ausstellungsformat. Neutralität, Frieden, und Kunsthandwerk worden nun betont.

Fahnen wurden zunehmend in der Nachkriegszeit geschützt vor Licht und Luft aufbewahrt und nicht mehr Museumsbesucher zu Schau gestellt.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die meisten Beutefahnen eingelagert, wo sie vor Licht und Luft geschützt besser konserviert werden konnten. Sie standen nicht mehr im Zentrum musealer Erzählungen. Diese empfindlichen Objekte, die jahrhundertelang Teil der öffentlichen Ausstellung und des öffentlichen Bewusstseins gewesen waren, spielten nun keine so prominente Rolle mehr des Schweizer Kulturerbes. So wurden sie zwar besser konserviert, verschwanden aber auch aus dem öffentlichen Leben.

Pflegen der Geschichte: Fahnenbegleiterinnen?

Geschichten über das Schweizer Militär drehen sich um Männer. Aber beim hinschauen, finden wir auch Frauen- insbesondere als Trägerinnen von Fahnen.

Der militärische Bereich war ein Umfeld, in dem männliche Identitäten geformt und verbreitet wurden. Dennoch waren auch Frauen in militärische Aktivitäten einbezogen und tauchen dementsprechend in Wort und Bild auf. So wurde dargestellt, wie sie männliche Truppen als Fahnenträgerinnen begleiteten. Der Status dieser Frauen ist jedoch kaum bekannt. Wer waren diese Gestalten, die mit Bannern marschierten?

LinkGeschichte und Geschlecht: verschleierte Vergangenheiten

Aufgrund von Ungleichgewichten in den Archiven wissen wir relativ wenig über die Rolle der Frauen in der Kriegswirtschaft der frühen Neuzeit. Bilder liefern Hinweise, aber diese Geschichte bleibt Lückenhaft.

In Schweizer historischen Museen waren Museumskuratoren meistens Männer. Frauen wurden eingestellt, um Textilobjekte – darunter Fahnen – zu pflegen.

Frauen wie Mechthild Flury-Lemberg wurden in der Nachkriegszeit zu führenden Persönlichkeiten bei der Entwicklung des Fachgebiets der Textilkonservierung. Dieses Fachgebiet ist bis heute stark geschlechtsspezifisch geprägt: Die Mehrheit der Textilkonservatorinnen sind Frauen. Diese Fachfrauen kümmern sich um die Überreste der Schweizer Fahnenbestände. Die Bewahrung dieses Teils der Schweizer Geschichte liegt somit weiterhin in weiblichen Händen – obwohl Frauen in den Darstellungen der Schweizer Militärgeschichte nur eine marginale Rolle spielen.

LinkGeschlecht und Geschichte: eine verwobene Vergangenheit

Geschlecht und Geschlechterrollen spielten nicht nur in der Geschichte eine Rolle, sondern auch bei der Entstehung historischer Narrative im Zuge von Ereignissen wie den Burgunderkriegen. Dies galt beispielsweise für die Arbeitsteilung in Schweizer Museen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Diptychon
Von Königshand zu Königshand

Die Königinwitwe eignet sich die Andachtstafel des verstorbenen Königs an, bringt sie ausser Landes und versteckt sie in ihrer Heimat im Kloster.

Agnes von Habsburg (um 1280–1364) muss nach dem Tod des ungarischen Königs Andreas III. aus Ungarn zu ihrer Stammfamilie nach Wien flüchten. Ihre Kleinodien bringt sie im Augustinerkloster Klosterneuburg in Sicherheit. Mutmasslich gehört dazu auch das Diptychon, welches für ihren Ehemann geschaffen wurde. Ist es ihr rechtmässiges Erbe, hat sie es sich einfach angeeignet, oder verwaltet sie es treuhänderisch für ihre minderjährige Stieftochter aus der ersten Ehe von Andreas III.?

Königliche Kostbarkeiten im Kloster
Geschenke für die Ewigkeit

Die Stifterfamilie schenkt dem Kloster kostbare Gegenstände im Vertrauen auf wirkungsvolle Gebete der Nonnen.

Eine Urkunde von 1357 listet rund 220 Gegenstände auf, die die dem Kloster für den Vollzug einer prächtigen Liturgie geschenkt hatten. Sie verbietet für alle Zeiten jede Veräusserung, Verpfändung oder Veränderung der Gegenstände. Die Geräte aus Edelmetall und kostbare Kirchengewänder versinnbildlichten in den Augen der Stifterfamilie die Herrlichkeit Gottes, die Reliquien von Heiligen bringen Heil für das Diesseits und das Jenseits. Dank dieser materiellen Grundlage sollte bis in die Ewigkeit für die Stifterfamilie gebetet werden.

LinkFür immer gerettet und nie vergessen

Reiche Stifterinnen schenkten Kirchen und Klöstern Objekte, um das Heil ihrer Seelen zu sichern. Durch diese Gaben sollten sie erinnert und im Gebet miteingeschlossen werden.

Das Seelenheil eines Ermordeten

Die Ehefrau und die älteste Tochter des ermordeten Königs engagieren sich für die Gründung und Ausstattung des Klosters Königsfelden.

Das Kloster wird genau dort gegründet, wo der König ermordet wurde. Elisabeth von Görz-Tirol, die Ehefrau, und Agnes von Habsburg, die älteste Tochter setzen viel Vermögen ein für die Schenkung von kostbarer Kirchenausstattung. Elisabeth verschenkt die Grundausstattung für den Gottesdienst, Agnes ergänzt diese durch Reliquien und kostbare Reliquiare sowie durch exiquisite Textilien.

Gestohlene Steine?

Goldschmiedekunst ist auch Wertanlage. Wer hat wann die heute fehlenden Schmucksteine entfernt?

Rund 200 kostbare Steine, vor allem Jaspis und Chalcedon, schmückten ursprünglich die Tafel. Rund ein Drittel davon ging verloren im Laufe der Zeit, entweder nach und nach oder auf ein Mal. Wahrscheinlich wurden auch einige Steine samt ihren Fassungen an eine neue Position verschoben. Alle Perlen dürften erst in einer zweiten Phase hinzugekommen sein. Über die Gründe für diese Veränderungen lässt sich vielfach nur spekulieren.

Wer über exquisite Materialien verfügt, hat Macht

Venezianische Kunsthandwerker sind hervorragende Steinschleifer und erstellen raffinierte Gegenstände.

Venedig ist im 13. Jahrhundert ein Zentrum für die Produktion von Bildwerken, die exquisite Materialien wie Ornamentsteine aus aller Welt, Perlen, Gold und Bergkristall verarbeiten. Zudem werden Buchmalereien mit Goldgrund in solche Goldschmiedewerke einfügen. Es entstehen weltliche Luxusprodukte wie zum Beispiel Spielbretter oder religiöse Gegenstände für den Gottesdienst, so etwa Vortragekreuze mit Bergkristall.

LinkLuxus aus Italien

Norditalienische Kunstproduktion war in weiten Teilen Europas begehrt. Das Diptychon und der Harnisch haben solche Ursprünge und kamen auf turbulenten Wegen nach Bern.

Ein mächtiger König ist, wer über kostbare Gegenstände verfügt.

Das Bildprogramm der klappbaren Tafel stützt den Anspruch von Andreas III. aus dem Geschlecht der Arpaden auf den ungarischen Thron. Es thematisiert seine Herkunft aus einer besonders geheiligten Sippe. Aussen herum sind nämlich die heiligen königlichen Vorfahren dargestellt sowie die beliebte heilige Elisabeth von Thüringen, eine Verwandte von Andreas III. Auch der Apostel Andreas, der Namenspatron des Königs, ist abgebildet.

LinkKöniglicher Besitz

Exzellenz und Königswürde spiegelt sich in exklusivem Besitz von Luxusgegenständen.

Reformieren oder rauben?

Die kämpft um den «richtigen» Glauben. Das führt zu massiver materieller Zerstörung, zur Verschiebung von Objekten und zu Enteignungen.

Die Aufhebung der Klöster in den protestantischen Gebieten der Eidgenossenschaft führt zu tiefgreifenden Veränderungen in allen Lebensbereichen. Besonders betroffen sind religiöse Gegenstände. Sie werden zerstört, disloziert und vielfach enteignet. Der massive Rechtsbruch wird von den Reformierten mit dem Rückgriff auf die Bibel gerechtfertigt. Die Gegenstände würden von der richtigen religiösen Praxis ablenken, lautet die Begründung.

Die Obrigkeit konfisziert aus ideologischen Gründen religiöse Objekte.

Bern beschliesst im März 1528 die Aufhebung des Klosters Königsfelden und verbietet dort das Lesen der Messe. Der bernische Klostervogt befiehlt die heimliche Überführung des Kirchenschatzes ins Schloss Lenzburg, das damals Bern untersteht. Dort wird der Schatz auf einer heute verlorenen Liste erfasst. Im März 1528 wird der gesamte Klosterschatz nach Bern abtransportiert.

verordnen

Im reformierten Bern wurden konfiszierte Ritualgeräte aus dem Kloster eingeschmolzen, um unter anderem Münzen zu prägen.

Im Auftrag der Obrigkeit bearbeiten Goldschmiede die kirchlichen Geräte. Sie trennen Gold und Silber und schmelzen es um zu Münzen. Das hat einen doppelten Zweck: Die Gerätschaften des altgläubigen, also katholischen, Kults werden zerstört und unbrauchbar gemacht. Das so gewonnene Silber aber kann, in Form von Geldmünzen, für soziale Zwecke wie die Armenspeisung verwendet werden. Aus den Objekten aus Königsfelden gewinnt man so mindestens 32 kg Silber.

verwerten

Wenige Einzelstücke entgingen der Zerstörung der Reformation. Sie wurden in den Staatsschatz integriert. Wer hat das wohl entschieden?

Die Berner wählten wenige aus heutiger Sicht herausragende Stücke aus dem Klosterschatz aus und brachten sie in ihr Rathaus. Das heisst, sie wurden weder eingeschmolzen noch verkauft. Zum grossen Teil wurden die geretteten Stücke bereits in einer älteren Liste genauer [und als besonders kunstvoll beschrieben?]. Wer sich für den Erhalt dieser Werke einsetzt, ist nicht geklärt. Alle diese funktionslos gewordenen ehemaligen Kirchengeräte werden anfänglich in den Archivräumen des Rathauses aufbewahrt als Teil des Staatsschatzes.

verwerten
Der Feldaltar von Karl dem Kühnen

Die Bildtafel aus dem Frauenkloster wird als Besitz von Karl dem Kühnen in Berns Kunst- und Wunderkammer ausgestellt.

1696 wird das Diptychon aus dem Rathaus in die Bibliothek transferiert. Fortan ist es als Sehenswürdigkeit in der Stadtbibliothek neben anderen kunstvollen Werken (artificia) ausgestellt. Es sei der Feldaltar von Herzog Karl dem Kühnen und gehöre zu der Burgunderbeute. Neue Bedeutungsschichten legen sich über das Werk: Es ist Ausweis höchster künstlerischer Qualität, denn der Hof Karls des Kühnen war künstlerisch tonangebend. Gleichzeitig wird es Symbol der militärischen Erfolge der Berner, denn diese erbeuteten das persönliche Eigentum des Herzogs.

verklären

Bücher, Steine, Tierpräparate, ethnologische Artefakte, archäologische Funde und Beuteobjekte werden katalogisiert und ausgestellt.

Ab 1775 gibt es einen Neubau für die städtische Bibliothek. Bilder und Bücher werden im vornehmen Obergeschoss aufgestellt. Im Erdgeschoss sind dicht auf dicht die übrigen Sammlungen ausgestellt: Naturhistorische Zeugnisse (Mineralien, Fossilien, Tier- und Pflanzenpräparate), archäologische Funde und Ethnographica. Nach wie vor ist der Feldaltar Karls des Kühnen ein Hauptwerk, er scheine «byzantinischen Ursprungs zu sein» (1827). Er steht zwischen arktischer Kleidung aus Kanada, persischen Pantoffeln und archäologischen Waffen.

verordnen
In den Händen der Wissenschaft

Ein katholischer Priester im reformierten Bern entlarvte vermeintliche Gewissheiten als Wunschbilder.

betreute in Bern die kleine katholische Gemeinde und erforschte die Museumssammlungen. Als praktizierender Priester kannte er die sakralen Funktionen mittelalterlicher Gegenstände besser als die lokalen protestantischen Forscher. So wies er nach, dass viele Gegenstände, die bis anhin als Burgunderbeute galten, aus konfiszierten Kirchenschätzen stammen. Der Feldaltar Karls des Kühnen wurde in Venedig hergestellt und kam mit dem Schatz von Königsfelden nach Bern. Mit dem Burgunderherzog hat er gar nichts zu tun.

Der Theologe Jakob Stammler erkannte anhand von mittelalterlicher die Provenienz eines Altarbehangs.

Im Auftrag des Museums restaurierte Maria Mürset einen Altarbehang im Historischen Museum und förderte mittelalterliches Pergament als Füllmaterial zu Tage: eine Urkunde und Fragmente einer in der klösterlichen Schreibstube kopierten liturgischen Handschrift. Stammler stützte mit dem Einordnen der Urkunde die Herkunft des Altarbehang aus dem Kloster Königsfelden. Wie das Diptychon war das Textil bisher stets zur Burgunderbeute gezählt worden. Die anlässlich der Restaurierung entfernten Pergamente blieben im Museum für mehr als 100 Jahre verschollen.

Ein mobiles Röntgengerät durchleutet die klappbare Tafel und weist grobe Eisennägel nach.

Forschende hatten die Vermutung aufgestellt, die rechte und die linke Seite der Klapptafel seien einst vertauscht worden. Dem ist aber nicht so. Ein Röntgenbild des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Bern zeigt, dass die Scharniere zwischen den Tafeln nie verändert wurden. Sie sind tief ins Holz versenkt. Erstaunlich sind auch die langen Nägel, die oben und unten die Rahmenleisten an der Grundplatte fixieren. Von aussen ist das nicht zu erkennen, denn die Nagelköpfe sind sorgfältig eingetieft und abgedeckt worden.

LinkKonservierung als Experiment

Durch verschiedene technische Methoden versuchten Konservatorinnen historische Zustände zu erhalten, Lücken zu ergänzen und richteten oft weiteren Schaden an.

Mit einem topmodernen Scanroboter liess sich 2024 der Glanz des Goldschmiedewerks nicht imitieren.

Neueste 3D-Technologie erbringt oft verblüffend echte Resultate in der dreidimensionalen Imitation von historischen Objekten. Solche Kopien dienen der wissenschaftlichen Forschung und der Dokumentation. Manchmal kommen solche Repliken auch in Ausstellungen zum Einsatz, wenn etwa die Originale für den Leihverkehr zu fragil sind. Die Wiedergabe von glänzenden glatten Metalloberflächen ist aber technisch äussert schwierig. Die Resultate eines Scanroboters befriedigen noch nicht so recht.

LinkKopien glänzen anders

Unterschiedliche Repoduktionstechniken geben den Glanz von Gold und Steinen unterschiedlich wieder -- aber immer anders, als das originale Objekt.

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Silberschale
Silber am Hof
Silber stapeln

Die Tische des Herzogs waren prachtvoll geschmückt. Silberne und goldene Schalen, Becher und Kelche waren dabei weit mehr als wertvolles Geschirr.

In Zucker eingelegte Früchte, serviert in schimmernden Schalen und grosse Trinkgefässe in Form von Schiffen beeindruckten die Gäste am burgundischen Hof. Ihren überwältigenden Überfluss machten die auch durch weiteres, unbenutztes Geschirr deutlich, das sich auf eigens dafür gezimmerten, treppenartigen Möbeln türmte. Der sagenhafte Reichtum am burgundischen Hof war auch in den eidgenössischen Orten wohlbekannt. Erbeutetes Silbergeschirr stand nach der Erbeutung für den Glanz der burgundischen Tafel.

1473-01-01 — 1476-01-01
DE, Trier
Silber erbeuten
Raub oder Lohn

Die Eidgenossen und ihre Verbündeten versuchten, die grosse Beute zu sammeln, aufzulisten und kontrolliert zu verteilen – nicht immer mit Erfolg.

Nach einem Sieg Beute davonzutragen, war im Spätmittelalter üblich. Die Erbeutung von grossen Mengen an höfischen Prunkgegenständen, wie dem silbernen und goldenen Tafelgeschirr der Burgunder, war dennoch aussergewöhnlich. Die Liestaler Burgunderschale wurde Heinrich (vor 1450-1517) nach der Schlacht von Nancy wahrscheinlich aus dem Beutegut zugeteilt. Besonders bei Grandson entzogen sich aber viele Krieger der Kontrolle der eidgenössischen Beutemeister und rissen sich Schätze heimlich unter den Nagel.

LinkHeimlich verkaufen oder redlich teilen?

Die Silberschale in Liestal könnte aus einer Beuteverteilung stammen oder aber im Nachgang der Schlacht gekauft oder gar wie das Drei Brüder Juwel heimlich fortgeschafft worden sein...

FR, Nancy, CH, Liestal, 4410
Wägen und Einschmelzen

Silber ist eine Wertanlage. Der burgundische Silberschatz wurde deshalb grösstenteils eingeschmolzen und verkauft.

In den wurden silberne und goldene Stücke gemäss ihrem Gewicht geschätzt. Der symbolische und kunsthandwerkliche Wert der aufwendig gearbeiteten Stücke des burgurgundischen Hofes war dabei zunächst unwichtig, auch, weil der Herzog so viele ähnliche Gefässe besass. Viele silberne Schalen aus der Beute wurden verkauft und eingeschmolzen. Aus dem gewonnen Silber konnten neue Kunstwerke geschaffen oder Münzen geprägt werden. Einzelne Trophäen wurden als Erzählerinnen der Siegesgeschichte aber symbolisch wertvoll und entgingen dem Schmelzofen.

verwerten
1476-01-01 — 1555-01-01
Silber stiften

Silber lässt sich mit einem scharfen Stichel aus Stahl gut gravieren. Die Burgunderschale erzählt ihre Geschichte durch ihre Inschrift gleich selbst.

Graviert wurde sie aber nicht durch ihren Eroberer, sondern erst durch Heinrich Nachkommen. In die ursrpünglich einfache Silberschale wurde so wie bei einem Siegespokal die Eroberung auf immer ins Metall eingeschnitten. Dabei erhielt sie zudem einen prunkvollen Fuss und ein geheimnisvolles Medaillon. Die selbstbewusste Patrizierfamilie liess ihr Wappen auf dem Boden der Schale einschneiden, um sich auf ewig mit ihrer Trophäe zu verbinden. Sie modifizierten das einfache Silbergeschirr, damit es visuell besser zu seiner glorreichen Geschichte passte.

1604-01-01
CH, Liestal, 4410

Teil der Beute waren auch heilige Objekte, die in den Kirchen der Eidgenossen als Trophäen in den religiösen Ritus integriert wurden.

Silberne Messkelche waren ebenso wie Reliquien zunächst Teil der gesamten Beute, die aufgelistet, verteilt und verkauft wurde. Einflussreiche Herren wussten sich aber mit auch mit kirchlichen Symbolträgern besonders in Szene zu setzen. Sie schenkten lokalen Kirchen wertvolle Messkelche aus Silber, die der burgundische Herzog in seiner Feldkapelle mitgeführt hatte. Solche gestifteten Kelche standen in Kirchenschätzen neu geweiht oft weiterhin für die glohrreiche Siegesgeschichte und waren damit Trophäen und heiliges Messgeschirr gleichzeitig.

1476-01-01 — 1476-01-01
CH, Risch-Rotkreuz, 6343, Rischerstrasse
Karls Schale
Die Schale des Herzogs

Die Burgunderschale ist mit einem ungewöhnlichen Portrait versehen, ein Bildnis des burgundischen Herzogs?

Auch wurde verklärt. Sein sagenhafter Ruf als reicher Herzog überdauerte seinen Tod. Man begegnet ihm in Sammlungen der Porträts grosser Herrscher der «Geschichte». Als im 17. Jh. die Burgunderschale, die durch die Familie Strübin graviert und prunkvoll umgearbeitet wurde, erhielt ein Medaillon, das mit der Vervielfältigung des Porträts Karls des Kühnen seit seiner Regierungszeit in Verbindung steht. Die einfache Schale hatte davor keine sichtbare Verbindung zu Burgund. Erst durch das Medaillon wird sie zur Schale des Herzogs selbst, bevor sie zum Trophäenpokal wurde.

LinkSchätze, verbunden mit einem toten Herzog

Der burgundische Herzog starb aber auf dem Schlachtfeld. Was tun mit seinen Schätzen?

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1604-01-01 — 1604-01-01
CH, Liestal, 4410
Die Schale eines Tyrannen?

Auch wenn die Schale keine belegte Verbindung zu Karl dem Kühnen hat, führt das kleine Portrait auf ihrem Boden bis an den burgundischen Hof.

Die ursprüngliche Vorlage für das Bildnis Karls auf dem Boden der Schale war ein Medaillon Giovanni Candidas (ca. 1445-ca. 1504), der am Hof des Herzogs arbeitete. Portraits auf Medaillen orientierten sich an antiken Kaisermünzen und sollten ein wiedererkennbares Herrscherbild verbreiten. Solche Stücke fanden später Eingang in private Sammlungen. Auch Basilius Amerbachs berühmtes Kabinett in Basel enthielt einen «Karl von Candida». Diese Vorlage wurde aufgenommen aber leicht angepasst, um den angeblich übermässigen Machtanspruch und Reichtum des besiegten Herzogs zu betonen.

1580-01-01 — 1604-01-01
CH, Liestal, 4410, CH, Basel

Verschiedene Trophäen aus der Burgunderbeute wurden nachträglich direkt mit dem Burgundischen Herzog Karl verbunden. Alles falsche Zuschreibungen?

Die Burgunderschale in Liestal wurde wegen dem Medaillon auf ihrem Boden schon im 18. Jh. als Karls persönliche Schale bezeichnet. Das später angebrachte Portrait führt teilweise bis heute zur Fehlannahme, dass es sich um «Karls Schale» handle. Sie war am Burgundischen Hof allerdings nur eine von vielen, schlichten Silberstücken des Tafelgeschirrs. Repräsentative Einzelstücke gab es auch, solche sind aber nicht aus der Burgunderbeute erhalten. Vielen Beutestücken wurde später nachgesagt, sie seien direkt aus Karls Besitz…

1700-01-01 — 1800-01-01
CH, Liestal, 4410
Zwischen Trophäe und Museum
Durstige Schweizer

Die Burgunderschale blieb auch im Besitz Liestals ein rituelles Trinkgefäss, nun aber im Sinne der Stadt als Teil des jungen Nationalstaates.

Der jährliche Umtrunk seit der Stiftung durch findet bis heute statt. Die Erinnerung an die heldenhafte Geschichte der Patrizierfamilie Strübin blieb auch nach der Nationalstaatsgründung 1848 relevant und trug zu ihrer Verklärung bei. Wie in vielen Schweizer Städten konnten die alten Herren ihren Besitz und Einfluss zu einem gewissen Grad erhalten. Das Trinken aus der erbeuteten Schale und später aus einer «Gebrauchskopie» nahm nun aber die Symbolik einer nationalen Geschichte an, in der sich die Liestaler verorteten.

verklären
CH, Liestal, 4410
Monument für die Nation

In der jungen Schweizer Nation wurde aus der Burgunderschale ein Monument für den nationalen Geschichtsmythos und nicht mehr nur ein Symbol der Elite.

Liestal kaufte der Familie Strübin die Burgunderschale 1795 ab. Im Zuge der konfliktreichen Nationsgründung wurde ein anschlussfähiges Geschichtsbild auch mit Monumenten gefördert. Holzbildhauer J. J. Brodbeck schuff der Schale 1875 einen antikisierenden Siegespokal mit nationalen Symbolen als Podest. Seine Wächterfiguren erinnern an das 1872 geschaffene Denkmal der Schlacht bei St. Jakob, die wie auch die Burgunderkriege zu den grossen Heldensiegen der Eidgenossen gezählt wurden. Die Schale mit Holzpokal wurde so selber zum historischen Monument der Nationalgeschichte.

1875-01-01
CH, Liestal, 4410
Trinken oder Konservieren?

Die Burgunderschale ist heute ein Museumsobjekt, behielt aber durch den Gebrauch als rituelles Trinkgefäss aber auch ihre symbolische Bedeutung.

Im Zuge der Entwicklung historischer Museen seit dem 19. Jh. wird heute auch die Burgunderschale konservatorisch geschützt. Getrunken wird primär aus einer fast identischen Kopie. Aber auch das Original wurde im Museum nicht nur geschützt. In den 1950er-Jahren wurde der barocke Fuss der Schale weiter ausgebaut. Eine Eingriff in ein Museumsobjekt, der nur denkbar scheint, weil die Burgunderschale nach wie vor mehr ist, als ein historisches Exponat. Sie ist sowohl Symbol der Liestaler Gemeinde und ihrer heldenhaften Geschichte, zelebriert im Trinkritual, als auch konserviertes Museumsobjekt.

LinkFantasiegeschichte?

Geschichte ist immer eine Interpretation, die Leerstellen ergänzen muss, so auch im Umgang mit Objekten.

2026-01-01 — 2026-01-01
CH, Liestal, 4410
Cäsartapisserie
Konfessionelle «Beute»
Wer herrscht, bestimmt die Konfession.

Mit militärischem Druck und theologischer Überzeugungsarbeit förderte Bern den Übertritt der Städte Genf und Lausanne zur Reformation.

Die Frage der Konfession war im 16. Jahrhundert mit den politischen Machtverhältnissen verknüpft. Die Untertanengebiete hatten die Konfession ihrer Landesherren anzunehmen. Bern stellte sich in Lausanne auf die Seite der Stadt, die den Bischof als Stadtherrn loswerden und zur Reformation übertreten wollte. Die Stadt hätte den wertvollen Kirchenschatz der Kathedrale gerne behalten, musste sich nach längerem Hin und Her aber dem Druck des mächtigeren Bern fügen.

Kirchliches Silber, liturgische Gewänder und weltliche Textilien aus der Residenz des Bischofs wurden nach Bern überführt.

Die Stadt Lausanne, die Geistlichen der Kathedrale, der Bischof und der Rat von Bern stritten sich um den Kathedralschatz. Verschiedene Listen sollten Entwendungen verhindern und Übersicht über die vorhandenen Werte ermöglichen. Das gelang aber nur teilweise. Bern überführte 18 Wagenladungen von Kirchengut nach Bern, darunter auch die vier Tapisserien mit der Geschichte des römischen Feldherrn Cäsar. Das belegt ein Eintrag in einem zeitgenössischen Inventar.

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Dem reichen Fürsten Karl dem Kühnen fehlte nach seiner Niederlage in der Schlacht bei Grandson 1476 der passende Wandschmuck für das Osterfest.

Der Herzog verlor in der Schlacht bei Grandson sein ganzes Heerlager - von Fässern mit gepökeltem Hering bis zum persönlichen Staatssiegel. Es fehlten ihm deshalb auch Wandbehänge, um das Osterfest in der Kathedrale von Lausanne festlich zu inszenieren. Er bat Verwandte, ihm auszuhelfen, wahrscheinlich auch seinen Höfling Guillaume de la Baume oder dessen Bruder. Im Rahmen des Ostergottesdienstes verkündete der Herzog die Verlobung seiner Tochter und Alleinerbin Maria von Burgund mit Maximilian von Habsburg und brauchte daher eine passende repräsentative Ausstattung.

Es klingt überzeugend, dass ein reicher Höfling seinem Dienstherren Tapisserien auslieh. Warum aber nahm er diese danach nicht mehr an sich?

Das Inventar von 1537 belegt, dass vier Tapisserien mit dem Wappen der Familie de la Baume und den Darstellungen der Triumphe des römischen Feldherren Cäsar von Lausanne nach Bern überführt wurden. Solche Bildthemen waren am burgundischen Hof beliebt. Vermutlich hat der burgundische Höfling die Wandbehänge seinem Dienstherren Karl dem Kühnen für das Osterfest 1476 ausgeliehen. Warum aber hat er sie danach nie mehr abgeholt? Gehörten sie vielleicht seinem bei der Schlacht von Grandson verstorbenen Bruder, oder wollte der Bischofs die kostbaren Textilien nicht mehr aushändigen?

Propaganda mit antiken Helden

Karl der Kühne sah im römischen Feldherrn Cäsar ein grosses Vorbild.

Die burgundischen Herzöge nutzten Wandbehänge mit figürlichen Szenen als Wandschmuck. Die Botschaften der Bilder erreichen so den versammelten Hofstaat sowie Gesandte anderer Höfe. Karl der Kühne besass auch eine mehrteilige Folge von Wandbehängen mit den Taten von Cäsar. Cäsar wird als erfolgreicher Feldherr dargestellt, der gefährliche Schlachten siegreich besteht. Kleidung und Bewaffnung entsprechen der spätmittelalterlichen Mode - die Vergangenheit erscheint im Kleid der Gegenwart.

Im reformierten Bern wurden die erbeuteten Tapisserien im Rathaus aufgehängt, denn die Ratsherren mussten ihren Zustand beurteilen.

Gut geordnet wurden die «burgundischen Beutestücke» aus dem Archivgewölbe im Rathaus öffentlich präsentiert. Die Ratsherren mussten entscheiden, was mit damit zukünftig geschehen solle. Jetzt durfte auch die Öffentlichkeit die Sehenswürdigkeiten besichtigen. Selbst in einer Zürcher Zeitung wurde auf diese Ausstellung hingewiesen. Die Wandbehänge mit römischen Geschichten und Personen in natürlicher Grösse seien wohlgebildet und kunstfertig aufgeführt. Sie verblieben im Rathaus, für Kirchengewänder hingegen zog man einen Verkauf in Betracht.

Für die Versammlung der höchsten Schweizer Politiker und für Gesandte präsentierte Bern, was es ist, was es hat und was die Stadt alles kann.

Alle sechs Jahre versammelten sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts internationale Diplomaten und Delegierte der Kantone in Bern zur Behandlung nationaler politischer Angelegenheiten, zur «Tagsatzung». Zu diesem politischen Grossanlass präsentierte Bern jeweils ein kulturelles Rahmenprogramm: eine Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst, eine zu den neuesten Errungenschaften der Industrie und des Gewerbes und eine Ausstellung der vor mehr als 300 Jahren erbeuteten «Tapeten [Wandbehänge], Ritterröcke und Messgewänder» im Chor des Berner Münsters.

Für die feierliche Eröffnung der Tagsatzung wurden Berns erbeutete mittelalterliche Wandbehänge als Kulisse verwendet.

Für die Eröffnungsfeier der Tagsatzung wurden die flämischen Tapisserien aus dem Münster in die Heilig-Geist-Kirche ausgestellt. Es seien «mit dem Blut der Väter» erworbene Trophäen, auf denen die Füsse der Repräsentanten der Eidgenossenschaft jetzt «noch einmal ruhen» könnten. Das sei ein angenehmer Gedanke, meinte 1804 der eidgenössische Berichterstatter. Die für die Aufbewahrung der Tapisserien zuständige Kirchenkommission aber protestierte: Künftig würden die Tapisserien nur noch als Wand- und nicht mehr als Bodenschmuck ausgeliehen.

LinkIn der Hand und unter den Füssen

Trophäen wurden oft als blutige Kulisse im werdenden Nationalstaat verwendet, um bei politischen Ereignissen eine Geschichte der gemeinsamen heldenhaften Herkunft zu erzählen.

Umzüge zur Erinnerung an lange vergangene Ereignisse ermöglichten es, Geschichte hautnah zu erleben und Patriotismus zu kultivieren.

Zur Feier von 600 Jahren Beitritt Berns zur Eidgenossenschaft wurde 1853 ein pompöser Umzug in historischen Kostümen veranstaltet. Wenn die Männer und Knaben Berns in die Rolle ihrer heroischen Vorfahren schlüpften, so sollten sie deren Tugenden «erben», so die Hoffnung der Veranstalter. Der Festumzug endete mit dem Vorführen von eroberten Beutestücken, mit einem «Beutewagen». Die Cäsartapisserien dienten als Vorbild für das auf dem Beutewagen nachgebaute Zelt Karls des Kühnen. Das zeigt das auf dem Zelt abgebildete Motiv mit dem sitzenden römischen Herrscher.

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Die Obrigkeit verwaltet Beutekunst

Im Archivgewölbe des Rathauses wurden Staatsschätze aufbewahrt: Geld, Urkunden, Schuldscheine und, erstaunlicherweise, erbeutete Textilien.

Dicke Mauern und ein Steingewölbe schützten den Staatsschatz der Berner Regierung. Im «oberen» Gewölbe gab es einen grossen Schrank, in dem die «Staatsantiquitäten» aufbewahrt wurden, vorwiegend in Kriegen und konfessionellen Auseinandersetzungen erbeutete Textilien. Es sind profane und ehemals sakrale Gegenstände, die im frühneuzeitlichen Staatswesen Berns keine praktischen Funktionen mehr hatten. Sie fungierten als kulturelles Kapital – als Wertanlage, als Triumphzeichen vergangener militärischer Grösse und als «Kunst».

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Bei einer Amtsübergabe musste der Schatzbestand vom amtierenden Archivar und dessen Nachfolger nach dem Vier-Augen-Prinzip kontrolliert werden.

Der für die Archivräume verantwortliche Angestellte, der «Registrator», musste vor einer Amtsübergabe ein Inventar der aufbewahrten Bücher, Urkunden, Schuldbriefe und Staatsantiquitäten erstellen. Im Beisein eines Schreibers seien «alle Teppiche, Messgewänder, Leinwand und Fahnen ausgepackt, ihm vorgelegt, in der Liste verzeichnet» und wieder verpackt worden. Dann habe der neue Beamte die Schlüssel erhalten. Ein solches Vorgehen zeugte vom Zugriff der Verwaltung auf die Beutestücke und war ein wichtiger Schritt im Transformationsprozess zum identitätsbildenden «eigenen» Kulturgut.

Die Obrigkeit sortierte das erbeutete Gut nach ihren eigenen Kriterien und befahl die Entsorgung von dem, was ihr nutzlos schien.

Im 18. Jahrhundert verfügte der Berner Rat bei den aufbewahrten Beutestücken eine Ordnung nach dem Prinzip «Gleiches zu Gleichem». Fahnen kamen ins Zeughaus, über mittelalterliche weisse Leinentücher durfte das Spital verfügen, und bei den kirchlichen Textilien mit Metallfäden sei zu prüfen, ob der wertvolle verarbeitete Rohstoff nicht wiederverwendet werden könne. Letzteres wurde wahrscheinlich nicht umgesetzt. Die Ratsprotokolle enthalten keine weiteren Hinweise darauf. Die riesigen mittelalterlichen Wandbehänge wurden wieder sorgfältig verpackt und eingelagert.

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Die Sorge um eine konservatorisch gute Aufbewahrung der erbeuteten Textilschätze zeugte von deren wachsender Bedeutung als Kulturerbe.

Die Obrigkeit sorgte sich um die Feuchtigkeit und um Ungeziefer in den Archivräumen im Rathaus und suchte nach einem besseren Aufbewahrungsort. Zunächst erwog man, den Haufen «Teppiche, Altarzierrat und Messgewänder» ins Zeughaus zu bringen. Es seien die Denkmäler des Sieges über den Herzog von Burgund, Reste des vorreformatorischen Münsterschatzes und anderes «Zubehör der päpstlichen Mummereien», der katholischen Maskeraden. Man entschied sich letztlich aber für die trockene und saubere Sakristei im Münster. Eine neue Inventarliste dokumentiert die 86 überführten Objekte.

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Das Erbe der Vorfahren – Last oder Lust?

Der Zustand der erbeuteten Textilien wurde zum Politikum. Der «Zahn der Zeit» fresse Löcher in das berühmte Kulturgut, hiess es.

In Bern wurden die angeblich in der Schlacht bei Murten erbeuteten flämischen Wandbehänge für die Eröffnungsfeierlichkeiten der Tagsatzungsversammlungen in der Heilig-Geist-Kirche aufgehängt. Ihr Zustand muss 1834 besorgniserregend gewesen sein. Ein polemischer Zeitungsbericht schlug damals vor, man könne diplomatische Schreiben Berns gerahmt vor die Tapisserien hängen, um deren Löcher zu kaschieren. Das zeigt: Die Verwendung der Wandbehänge als programmatische Propaganda wurde nicht in allen politischen Lagern gutgeheissen.

Historische Exponate existierten lange nur als «Anhängsel» anderer Bestände in der Stadtbibliothek, im Antonierhaus, im Zeughaus oder im Münster.

Erst 1881 führten geschichtsinteressierte Männer in Bern die bisher an unterschiedlichen Orten aufbewahrten und ausgestellten historischen Objekte zusammen und formten eine eigenständige Institution, das erste «Historische Museum» für die Stadt. Den naturhistorischen Beständen und den Werken der Malerei und Skulptur war diese Umformung zu eigenen Museen, dem Naturkundemuseum und dem Kunstmuseum, bereits früher geglückt. Den Anstoss für die Gründung eines historischen Museums dazu gab die Versteigerung einer Sammlung schweizerischen Kulturguts, bei viel ins Ausland verkauft wurde.

Könnte man angesichts klammer Staatsfinanzen nicht mittelalterliche kirchliche Stickereien verkaufen, überlegte Bern 1882.

Den Hauptsaal des neuen Historischen Museums schmückten die grossformatigen Wandbehänge, die man alle nach wie vor als Burgunderbeute taxierte. Die mittelalterlichen Kirchengewänder wurden offenbar weniger wertgeschätzt. Eine progressive Zeitung schlug sogar deren Verkauf vor, um die städtischen Finanzen zu sanieren. Die «mit dem Blut der Vorfahren erbeuteten Tapisserien» hingegen seien von unschätzbarem Wert und absolut unverkäuflich.

Mit Faden und Nadel gegen den Zerfall

Textilien zu erhalten ist bis ins 21. Jahrhundert hinein weitgehend Frauensache.

Männer gründeten und leiteten Museen, so etwa das 1881 gegründete Historische Museum Bern. Sie erforschten die Sammlung, stöberten in Archiven, gruben archäologische Stätten aus und veröffentlichten wissenschaftliche Forschungen. Das Erhalten von Textilien war weitestgehend Frauensache. Die Ehefrauen der Direktoren und Kuratoren reparierten kirchliche Textilien. Grössere Aufträge wurden an professionelle Fachkräfte vergeben, an Stickerinnen und Näherinnen. Die Kosten dafür übernahmen in Bern zunächst finanzkräftige Privatpersonen. Nach und nach beteiligten sich auch die Zünfte und die Stadt.

Die Stickerin Maria Mürset zerlegte 1898 einen Altarbehang aus Königsfelden, entfernte Futtermaterial und ergänzte Leerstellen neu.

Maria Mürset war mehrfach für das Historische Museum Bern als Textilrestauratorin tätig. Sie zerlegte einen Altarbehang des 14. Jahrhunderts in die einzelnen Schichten und reinigte diese separat. Sie trennte die gestickten Figuren vom Trägergewebe aus Samt, entfernte mittelalterliche Pergamentstücke, die als Polster zwischen Grund und Applikationen verwendet wurden, und setzt nach dem Waschen alles wieder zusammen. Wo Teile fehlten oder ungleichmässig erhalten blieben, ergänzte und vereinheitlicht sie diese. Ein lückenloses und gleichmässiges Erscheinungsbild war das Ziel ihrer Restaurierung.

Jahrzehntelang bearbeitete die Näherin Katharina Bühler die monumentalen gewirkten Bildteppiche, die Bern in Grandson und Lausanne an sich gebracht hatte.

Allein 15 Jahre lang restaurierte Bühler drei der vier Cäsartapisserien. Im Stadtarchiv in Bern sind aber Kostenvoranschläge und Abrechnungen erhalten. Der Aufwand bemass sich nach der Grösse der Tapisserie, nicht etwa nach deren Zustand. Separat abgerechnet wurde das benötige Material, also die Wolle, mit der die schadhaften Bereiche neu eingewebt wurden. Moderne Wollfäden verstärkten oder ersetzetn also die altershalber brüchig gewordenen mittelalterlichen Schussfäden. Rund ## Prozent der ## m2 grossen dritten Cäsartapisserie wurden neu eingewebt.

Licht und dauerhaftes Hängen schaden textilen Geweben. Aufgerollt im dunklen Depot sind diese zwar gut konserviert, verschwinden aber aus dem kulturellen Gedächtnis.

Seit die flämischen Tapisserien dauerhaft im Museum ausgestellt werden, benötigen sie rund alle 60 Jahre eine umfassende Konservierung. Die jüngste Kampagne soll 2027 zu Ende gehen. Heute werden Fehlstellen nicht mehr neu eingewoben. Mit Spannstichen werden passend eingefärbte Stoffstücke als Stütze auf der Rückseite befestigt. Ein vollflächig aufgenähtes Futter erhöht zuletzt die Stabilität des Textils beim Bewegen und verhindert ein weiteres Verziehen. Mittelalterliche Tapisserien waren für seltenen Gebrauch geschaffen, nicht für permanentes Ausstellen im Museum.

Für alle oder nur für Könige?

Die Burgunderherzöge waren mit ihrem Hof oft auf Reisen. Luxuriöse Wandbehänge vermittelten in unterschiedlichsten Räumen Bildpropaganda.

Tapisserien waren im Spätmittelalter das fürstliche Repräsentationsmittel par excellence. Mit Wandbehängen liessen sich Räume in Festsäle verwandeln, seien es Kirchenchöre, Burgsäle oder grosse Zelte. Bei diplomatischen Treffen untermalte der ausgewählte Bildschmuck politische Anliegen und beeindruckte auswärtige Gesandte ebenso wie die Höflinge. Der Transport von Tapisserien war aber eine logistische Herausforderung und zudem in Kriegszeiten riskant. In den Schlachten 1476 verlor Karl der Kühne viele Tapisserien und konnte nicht rechtzeitig genug eigenen Ersatz beschaffen.

Die eroberten «Zelttapeten» Karls des Kühnen wurden im frühen 19. Jahrhundert eine Ausstellungsattraktion in Bern. Aus Beute wurde Ausstellungsgut.

Wenn die Tagsatzung in Bern stattfand, konnte das Publikum während der Sommermonate täglich von morgens um 8 Uhr bis abends um 7 im Chor des Münsters die «Tücher, Messgewänder und andere interessante Gegenstände» von Karl dem Kühnen betrachten. Dem territorialen Verlust der Waadt und des Aargaus nach dem Sturz des Ancien Regime 1798 stellte Bern nun kompensierend die einst erworbenen Beutestücke als kulturelle Zeugnisse vergangener Grösse entgegen. Die konfiszierten Kirchenschätze sind alle zu Burgunderbeute geworden.

Der Schweizerische Bundesrat offerierte 1965 dem dänischen Königspaar ein Abendessen im Museum, vor den Wandbehängen mit der Geschichte Cäsars.

Der Bundesrat hatte darum gebeten, das Staatsbankett anlässlich des Besuchs des dänischen Königspaars im Museum veranstalten zu dürfen. Die Aufsichtskommission des Museums beschloss: «Comme les Bernois aiment les rois, il me semble qu»on ne peut pas refuser» (Da die Berner Könige lieben, scheint mir, man könne nicht ablehnen). Für die aufwendigen Vorbereitungen musste das Museum drei Tage schliessen. Dann aber tafelten im Museum noch einmal Könige vor Beutegut. Dieses wurde nun als schweizerisches Kulturgut inszeniert.

Je länger und stärker Textilien dem Licht ausgesetzt sind, desto stärker verbleichen sie – auch im Museum.

In Mittelalter und Früher Neuzeit wurden Tapisserien meist nur für spezielle Ereignisse aufgehängt. In den Museen aber wollte man die Prunkstücke stets ausstellen und für alle zugänglich machen. Tageslicht schädigt aber die textilen Fasern und bleicht die Farben aus. Die Cäsartapisserien waren seit der Eröffnung des Bernischen Historischen Museums 1894 bis 2008 fast immer ausgestellt gewesen, bis 1985 sogar im Tageslicht. Ein Vergleich der Vorder- mit den Rückseiten der Tapisserien zeigt, wieviel kräftiger die Farbigkeit früher war.

Mariengürtel
Eine Kette für St. Ursus

Die Büste von St. Ursus in der Solothurner Kathedrale trug bereits im 17. Jh. mehrere wertvolle Schmuckstücke, gestiftet von reichen Bürgerinnen.

Um das Seelenheil zu sichern, den eigenen Stand zu verdeutlichen und im Gedächtnis zu bleiben , waren Votivgaben, wie die vielen «Ketten» am St.-Ursus-Reliquiar, ideal. Im Inneren der silbernen Büste wurde heiliger Staub aus dem Grab von St. Ursus aufbewahrt — eine heilige Reliquie. Der «Mariengürtel» war eine der wertvollen Zugaben am Hals der Büste. In Kirchenschatzinventaren wurden die silbernen Schätze mit Gewichtsangabe vermerkt und dazu notiert, wer beispielsweise die vielen Ketten am Hals der St.-Ursus-Büste gestiftet hatte.

Die Recherche in Archivdokumenten klärt Fragen und wirft gleichzeitig oft neue auf. Auch die Herkunft des Mariengürtels bleibt geheimnisvoll.

Der Eintrag im Schatzverzeichnis von 1646 erwähnt einen «samtenen Gürtel mit vergoldeten Rosen». In folgenden Inventaren erscheint er unter anderem als «samtener Gürtel mit vergoldeten Rosen, Kronen und Buchstaben…». Inventare sind nur sehr schwer mit konkreten Objekten zu verbinden, da die Einträge meist sehr knapp sind. In diesem Falle ist die Verbindung zum Mariengürtel aber klar und sie entlarvt Erstaunliches! Er war noch bis ins 18. Jh. mit rotem Samt unterlegt. Die Inventare schweigen aber darüber, wer das geheimnisvolle Stück einst stiftete.

Studieren und inspirieren
Wiederentdeckung eines Meisterstückes

Der Mariengürtel, lange eine Votivgabe für St. Ursus, wurde durch neue Untersuchungen im 19. Jh. als erbeutete, burgundische Kette erkannt.

Im 19. Jh. wurden viele historische Objekte neu untersucht. Unter der Lupe von Spezialisten, wie dem Antiquitätenhändler und Silberschmied , wird die geheimnisvolle Kette am Halse von St. Ursus neu als burgundische Arbeit und damit Kriegsbeute aus den Schlachten gegen die Burgunder erkannt. Als solche wird sie später ins Zeughaus gebracht, wo sie noch heute neben anderen Stücken des Anteils der Solothurner an der Burgunderbeute liegt. Die Entdeckung kam ganz gelegen, da viele Stücke der Beute verloren gegangen waren.

Höfische Qualität oder günstiges Imitat?

Die Geschichte der «burgundischen Kette», steht auf wackligen Beinen. Nimmt man die Glieder genau unter die Lupe, entstehen Zweifel und neue Fragen.

Als burgundische Beute wurde die «Kette» der einzigen Tochter Karls, Maria von Burgund, zugeschrieben. «M»-Glieder könnten durchaus auf die burgundische Prinzessin verweisen. Ketten waren am burgundischen Hof beliebt. Goldschmiede wie Gerard Loyet fertigten mehrere prächtige Werke aus solidem Gold und edlen Steinen an. Die Marienkette aber ist lediglich aus vergoldetem Silber und ihre «Perlen» aus günstigem Email. Von Nahem sind ihre Kanten grob gearbeitet und passen so gar nicht zu vergleichbaren Arbeiten für einen der reichsten Höfe Europas.

Kopien von Trophäen vervollständigten 19. Jahrhundert die lückenhafte mittelalterliche Überlieferung und ermöglichten historische Inszenierungen.

Kopien wie jene des berühmten Goldschmieds erschienen wie Originale. Ein löchriger «Burgunderbecher», angeblich um 1840 bei Murten ausgegraben, wurde im Familienbesitz der Bossards restauriert. Dem nach wie vor stark beschädigten «Original» stellte Bossard eine scheinbar perfekte Kopie gegenüber – ohne Löcher, als ob man sie direkt von der Tafel Karls des Kühnen genommen hätte. Mit einer Gravur widmete er die glänzende Kopie der Zunft zu Kämbel und damit jener Zürcher Stadtelite, die sich seit jeher mit Beutestücken als Nachkommen der siegreichen Eidgenossen inszenierten.

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Mittelalter als Quelle / Das Mittelalter als Inspiration

Das Mittelalter erschien während der Industrialisierung als Quelle der gesellschaftlichen Erneuerung. Auch aus erbeuteten Trophäen wurde Kunst.

Wie viele seiner Zeitgenossen liess sich der Goldschmied bei seinen eigenen Arbeiten von historischen Stilen aus dem Mittelalter und der Renaissance inspirieren. Seine Skizzen zeigen, wie sorgfältig er mittelalterliche Objekte studierte und versuchte, sie im Stil und Machart den mittelalterlichen Originalen anzugleichen. An seiner Skizze eines «Kettengliedes aus der Burgunderbeute» wird deutlich, wie er fehlende Stücke im historischen Stil ergänzte. Aus diesem praktischen Studium entstanden zudem Neuschöpfungen – «streng im Stil einer bestimmten Epoche», wie Bossard betonte.

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Echt oder falsch?

Bossard arbeitete derart präzise, dass die Grenze zwischen historischem Original und Nachahmung des 19. Jh. teilweise bis heute unscharf bleibt.

Wo liegt die Trennlinie zwischen Rekonstruktion, Kopie und historischem Original? Im Nachlass des Silberschmieds Bossard sind Glieder des Mariengürtels überliefert. Möglicherweise sind es exakte Kopien, die er anfertigen konnte, als er das Original zur Restauration auf seinem Arbeitstisch liegen hatte. Die Restaurationsarbeiten Bossards sind nicht genau dokumentiert. Er ergänzte dabei aber nicht alle Lücken. Nach wie vor endet die «Kette» an einer Stelle ohne Schliesse. Das ist ein Hinweis darauf, dass sie, bevor sie der St. Ursus-Büste umgehängt wurde, als Gürtel gefertigt wurde.

Gebastelte Geschichte

Im 19. Jahrhundert wurden an vielen Orten der Schweiz Museen gegründet. Die Burgunderbeute wurde dort auf pompöse Weise neu inszeniert.

Das Zeughaus von Solothurn, das später selbst zum historischen Museum wurde, vereinte sowohl historische Objekte als auch Reproduktionen und sogar Fälschungen. Ein imposantes «Zelt aus dem Lager des burgundischen Herzogs» beherbergte solche zweifelhaften Exponate. Ob die «Marienkette» als burgundisches Beutestück Teil der Installation war, ist unklar. Aber andere tatsächliche und vermeintliche Beutestücke sind auf einer Fotografie auszumachen. Mit verschiedensten Objekten sollte ein möglichst lückenloses und prächtiges Bild der Geschichte «Burgunderbeute» konstruiert werden.

LinkGeschichte als Bricoloage

Beute Objekte könnten umfunktioniert werden, um neue Erzählungen zu schaffen, oder mit anderen Objekten kombiniert werden, um historische Collagen von zweifelhafter Wahrhaftigkeit zu erstellen.

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Harnisch
Körper aus Stahl
Markenkleid nach Mass

Der Berner Harnisch war einst ein prestigeträchtiges Stahlkleid für einen reichen Adelsmann

Die vielen Symbole auf dem Berner Harnisch sind Spuren seiner Herstellung in Mailand. Im 15. Jh. waren norditalienische Unternehmerfamilien in der Rüstungsherstellung führend. Der Träger dieser teuren Massanfertigung konnte so alleine schon durch die Markierungen deutlich machen, wo er sich dank Beziehungen und Reichtum rüsten konnte.

Den Körper edel formen

Schlanke Beine, enge Taille, mächtige Schultern — der elegante und doch kraftvolle Körper als Ideal des 15. Jh.

Die durch inneinandergeschobene Platten erstaunlich bewegliche Rüstung erhielt ihre Form nicht nur aus funktionalen Gründen, sonder auch, um dem Träger eine als schön empfundene Siluette zu verleihen. Dem Berner Harnisch fehlen unter anderem das komplette Beinkleid und eine linke Schulterplatte. Am Gemälde Mantegnas wird ein sehr ähnlicher Harnisch in seiner vollständigen Form deutlich. Die elegante, längliche Gestalt mit breiten Schultern ist malerisch noch stärker prononciert als in Stahl.

Verlorene Ranken

Die Gewalt der Erbeutung entriss den Harnisch aus einem höfischen Umfeld und brachte ihn nach Bern. Der Verlust wird an wenigen Spuren deutlich.

Besonders erbeutete Objekte verlieren in vielen Fällen ihre ursprüngliche Bedeutung. Am Berner Harnisch wird das an Spuren auf der Oberfläche sichtbar. Feine punktierte Linien verzierten den bläulichen Stahl mit Ranken und Blüten, wie sie bei Hofe auch auf wertvollen Stoffen zu finden waren. Im Berner Zeughaus war die höfische Eleganz nicht mehr zentral. Wie alle Harnische wurde auch dieser regelmässig gebürstet, um den Glanz zu erhalten und Rost zu vermeiden. Die feinen Verzierungen und teilweise auch die Herstellermarken wurden so immer mehr weggeschliffen.

Helden in Stahl
Mit Geschichte rüsten

Im Berner Zeughaus wurde die Berner Rüstung als als Stahlkleid des mythischen Stadtgründers inszeniert.

Die Berner Waffenkammer war nicht nur ein Lager für militärisches Material, sondern auch ein Beweis der Macht der Stadt und ein Ort, wo ihre glorreiche Geschichte inszeniert wurde. Erbeutete Trophäen und andere Objekte erzählten mit hölzernen, bemalten Figurinen, Fahnen und Gemälden Geschichten über das gewaltvolle Werden des zeitweise sehr mächtigen Stadtstaates. spielte als sagenumwobener Stadtgründer eine wichtige Rolle. Im Zeughaus installierten die Berner Herren eine bemalte Holzfigurine Berchtolds und legten ihr die norditalienische Rüstung an.

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Tierisch starke Bärner

Berchtold V. war durch die Gründungssage immer eng mit dem Bären als symbolisches Tier verbunden — passend zur Rüstung im Zeughaus?

Um der jungen Stadt einen Namen zu geben, liess der zähringer Herzog eine Jagd veranstalten. Der erlegte Bär gab so der Stadt ihren Namen. In den zahlreichen Darstellungen dieser Sage durch Chroniken, Lieder und Gemälde erzählten die Berner Herren besonders im 16. Jh. ihre mythische Geschichte. In vielen dieser Darstellungen kommen der Bär und Berchtold gemeinsam vor oder verweisen wechselseitig aufeinander. Schaut man sich die Grand Bacinet, den grossen Helm der Rüstung an, scheint die Wahl genau dieses Harnisches für Berchtold V. in Verbindung mit dem Bären nicht ganz zufällig.

In der Berner Waffenkammer standen Figurinen in alten Rüstungen sinnbildlich für die Herrschaftsstruktur und Vorstellungen von Manneskraft.

Die alten Eidgenossen, die in Schlachten wie jenen der Burgunderkriege siegten, gelten teilweise bis heute als Inbegriff des gottesfürchtigen, bescheidenen, pflichtbewussten Schweizer Mannes. Dementsprechend waren die gerüsteten Figurinen in Zeughäusern, wie jenem in Bern, immer auch Visualisierungen «rechter», kriegerischer Männer. Sichtbar wird das an der Gestaltung ihrer Gesichter. Die Holz- und Tonmasken der Kriegerfigurinen veränderten sich entsprechend visueller Männlichkeitsvorstellungen — vom eleganten Schnauz des 18. Jh. bis zum kernigen Bart des 19. Jh.

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Beute rezyklieren

Eine erbeutete Rüstung aus dem 15. Jh. soll gehört haben? Diese spätere Wiederverwertung erscheint aus heutiger Perspektive fragwürdig…

Dem erbeuteten Harnisch eine völlig neue Geschichte anzuhängen, war für die Berner im 16. Jh. eine sinnvolle Verwertung einer alten Rüstung. Militärisch konnte man sie nicht mehr verwenden. Einst ein luxuriöser Harnisch eines wahrscheinlich burgundischen oder savoyischen Adeligen, war sie unter den Trophäen und eigenen Rüstungen und Waffen im Zeughaus ein seltenes Stück, aber eines ohne Geschichte. Damit bot er sich an für die Ausstattung der Berchtold-Figurine. Diese historische Überschreibung gehört also zur Geschichte des Harnisches und ist mehr als nur eine «falsche» Zuschreibung.

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Gemeinsam Triumphieren
Aus Altem und Neuem wird Geschichte

In Bern wurde Geschichte immer wieder in Strassenumzügen inszeniert. Kostüme bestanden aus tatsächlichen Trophäen und vielerlei Nachbildungen.

Die Gründungsfeier 1791 ist ein gut dokumentiertes Beispiel für solche Umzüge. In vier Akten sollte die Stadtgeschichte aufgeführt werden. Berchtold V. als Stadtgründer führte den ersten Zug an. Belegt ist, dass Zeughäuser Rüstungen und andere Objekte die historische Ausstattung für die Darstellenden lieferten. Ob Berchtolds Rüstung aus dem Zeughaus Verwendung fand, ist unklar. Spuren im Stahl legen es aber nahe. Wie politisch aufgeladen solche Festumzüge sein konnten, wird daran deutlich, dass die Feier 1791 aufgrund der revolutionären Spannungen schliesslich abgeblasen wurde.

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Verlorene Herkunft

Einige Objekte aus der Burgunderbeute haben tatsächlich keine lückenlos geklärte Herkunft. Auch der Weg des Harnisches nach Bern liegt im Dunkeln.

Der Berner Harnisch galt lange als «Berchtold-Harnisch». Tatsächlich kam er aber mit grosser Wahrscheinlichkeit als Kriegsbeute aus den Burgunderkriegen nach Bern. Sein Ursprungskontext wurde bis auf wenige Spuren ausgelöscht. Neben den Herstellermarken aus Mailand und seiner um 1450 typischen Form verrät nur noch eine fragmentarische Inschrift, versteckt auf der Lippe einer Armöffnung, wer der einstige reiche und stilbewusste Besitzer wohl war. Der Stil des Harnisches und des grossen Helmes war unter burgundischen und savoyischen Adeligen beliebt.

Spuren der Gewalt

Eine Rüstung bleibt mit Gewalt verbunden, auch wenn der Berner Harnisch die allermeiste Zeit seiner Geschichte abseits vom Schlachtfeld glänzte.

Im 15. Jh. war der Berner Harnisch noch tatsächlich im Einsatz, Scharten an verschiedenen Stellen sind wahrscheinliche Spuren von Hieben gegnerischer Klingen. Im Berner Zeughaus verlor er als Objekt einer Geschichte die schützende Aufgabe im Kampf. Gemeinsam mit anderen Trophäen und altem Kriegsmaterial verkörperte er aber während Jahrhunderten eine Geschichte Berns, die auf gewaltsamer Expansion beruhte und folgende Kriege und Herrschaft rechtfertigte. Während er also nicht mehr im Kampf eingesetzt wurde, blieb er doch mit der militärischen Inszenierung der Stadt Bern verbunden.

Geschichte wird immer wieder neu evaluiert und geschrieben. Auch der «Berchtold-Harnisch» wurde schliesslich vom Mythos getrennt.

Im Zuge der Gründung spezialisierter Museen während dem 19. Jh. kamen auch die Geschichtsobjekte und alten Waffenbestände aus dem Zeughaus Berns in eine vereinte historische Sammlung. Der Harnisch wurde durch Vergleiche und genaue Betrachtung in dieser Zeit als Werk der Mailänder Plattner Missaglia um 1450 erkannt und von seiner mythischen Verbindung zum Stadtgründer entledigt. Seine lange Rolle als Berchtold-Rüstung wurde damit verdrängt und der kunsthistorisch wissenschaftlichen Suche nach dem «eigentlichen Ursprung» von Sammlungsobjekten den Vorrang gegeben.

Geschützrohr
Neue Waffen aus Meisterhand
Karl der Kühne rüstet auf

Feuern aus neuen Rohren

Jean de Malines erhielt 1474 von Karl dem Kühnen den Auftrag, 5 neuartige Geschützrohre nach dem Modell einer «Courtault» anzufertigen. Eine dieser fünf hat sich noch erhalten, die Spuren der anderen finden sich nur über Schriftzeugnisse in Chroniken, Inschriften in Zeughäusern und Darstellungen in Handschriften mit Beschreibungen aktueller Waffen (Zeugbücher). Die neuartigen Geschützrohre mit Schildzapfen verdrängten die Bombarden und Serpentinen weitgehend in ihrer Rolle als Batteriegeschütz. Sie sind auf Lafetten mit zwei Rädern montiert und verschiessen Kugeln aus Stein.

Innovative Kriegstechnologie

Zapfen, Gewicht und neues Design

Das Geschützrohr ist vermutlich das älteste erhaltene mit einem Schildzapfen. Schildzapfen erleichterten das Richten und erhöhten damit die Präzision der Schüsse. Vermutlich geht diese Erfindung auf Jean de Malines zurück. Die Anfertigung dieses Konvoluts fällt genau in die Zeit, in der weitere Innovationen im Bereich des Kanonenbaus erfolgten. Die neuen Geschützrohre haben vor allem ein höheres Gewicht (von 1600 auf 2400 Pfund), weshalb man mindestens ein Pferd brauchte, um sie zu bewegen.

Wappen auf dem Rohr

Wappen und Goldenes Vlies

Neben dem Wappen des burgundischen Herzogs sehen Sie das Zeichen des Ordens des Goldenen Vlieses. Karl der Kühne war Mitglied dieses Ordens und ist hier abgebildet in einer Prachthandschrift mit den Statuten des Ordens.

Strategien mit Sprengkraft
Kanonen verändern den Krieg

Veränderung der Kriegstaktik

Das neue Kriegsgerät führte zu einer neuen Art von Krieg – und auch zu anderen Formen von Verletzungen. In Urs Grafs Zeichnung, die nach der Schlacht von Marignano 1515 entstanden ist, wird das eindrücklich vor Augen geführt. In Marignano verloren die 20 000 eidgenössischen Söldner im Dienst des Herzogs von Mailand. Jeder zweite bis dritte eidgenössische Söldner verlor dabei sein Leben. Auch hier siegte wie bei der Schlacht in Grandson der bessere Taktiker, in diesem Fall Franz I. von Frankreich,.

Zerrissene Körper

Blutzoll der Kanonen

Im Vordergrund stehen die Schrecken des Krieges und die Folgen für Leib und Leben der Söldner. Fast ein Drittel des Blattes nehmen die entblössten Körper der Gefallenen, zerbrochene Waffen, die im Tod verschlungenen Leichen von Reiter und Ross, verlorene Handschuhe, zerfetze Trommeln, Schwerter und von Spiessen durchbohrte Kettenhemden am Leib neben den nackten stark verdrehten Gliedmassen der Toten ein. Einer der wenigen überlebenden Eidgenossen nimmt einen letzten Schluck aus der Feldflasche.

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Ob diese Frau ihre Arme und Teile ihrer Beine durch Kanonenkugeln verloren hat, oder ob sie aufgrund einer angeboren körperlichen Beeinträchtigung aufgrund mangels anderer Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, als Prostituierte den Söldnern ins Lager gefolgt, ist, nicht zu belegen. Wir wissen nicht, wer sie war und wie sie hiess, ob sie wirklich existierte, ob Urs Graf eine besondere Beziehung zu ihr pflegte, sie die Darstellung andeutet, oder eine politische Allegorie ist, wie dies Valentin Groebner vorgeschlagen hat. Wir können sie ohne einen Namen nicht in Archiven aufspüren.

Wo stecken die Rohre?

Spuren im Archiv

Ein Archiveintrag aus Freiburg von 1503 erwähnt eindeutig eine burgundische Kanone mit Drachenkopf, die in Größe, Form und Länge der in Basel erhaltenen Kanone entsprechen könnte. Frei übersetzt lautet der Eintrag, «…eine grosse burgundische Kanone, mit einem Drachenkopf am Ende, der in der Mitte einen Ring trägt und vorne ausgedreht, steht auf einem zweirädrigen Karren (reding).» Dieses Geschützrohr, das im im Rathaus von Freiburg im Uechtland vor dem Neubau des Zeughauses aufbewahrt wurde, hat sich jedoch nicht erhalten.

Das dritte Geschützrohr, das Jean de Malines für Karl den Kühnen fertigte, wurde bei der Belagerung von Neuss eingesetzt. Friedrich der III. vererbte sie an Maximilian I. vererbt. Es wurde zuletzt bei der Belagerung von Kufstein 1504 eingesetzt. Von diesem Geschützrohr, das vermutlich auch aus der Werkstatt von Jean de Malines, jedoch aus einer anderen Serie stammt, finden wir eine Zeichnung im Zeugbuch Kaiser Maximilians. Im Unterschied zum erhaltenen Geschützrohr aus Basel ist bei diesem Geschützrohr das burgundische Wappen im ersten, nicht im zweiten Segment nach der Mündung platziert.

Die Handschrift, das Zeugbuch Maximilians, beschreibt Kriegswaffen, ihre Charakteristika sowie die Grundlagen und Materialien für ihre Herstellung. An der Entstehung dieser unvollständig gebliebenen Handschrift war der kaiserliche Hofmaler Jörg Kölderer (1465-1540) beteiligt. Es handelt sich vermutlich um eine Abschrift, die im 16. Jahrhundert nach Regensburg gelangt war, wo sie seit bis 1780 in der Ratsbibliothek aufbewahrt wurde, bevor sie dann in die königliche Hofbibliothek – die heutige Staatsbibliothek  - nach München gelangte.

Die Betonung der Geschützrohre aus Bronze in der Schilling-Chronik legt die Vermutung nahe, dass auch Bern Anspruch auf eines oder sogar beide übrigen Geschützrohre aus der Werkstatt Jean de Malines erhob. In Bern verwahrte man die grossen Geschütze ab 1517 in einem neu gebauten Zeughaus westlich des Dominikanerkonvents. Es wurde 1560 und 1577 erweitert. Man hielt dort das schwere Geschütz, Waffen und Rüstungen für die bis zu dieser Zeit häufigen Auseinandersetzungen bereit. An das Zeughaus, das 1876 verschwand, erinnert heute nur die nach ihm benannte Zeughausgasse.

Das Inventar des Berner Zeughauses von 1687 verzeichnet zwar zwei burgundische Geschützrohre, jedoch trugen sie andere Entstehungsjahre (1463 und 1467). Das Kaliber und das Material der Munition (Steinkugeln) stimmt zwar, aufgrund der Datierungen kann jedoch höchstens eines der beiden Geschützrohre von Jean de Malines gegossen worden sein, da Jean de Malines erst 1466 begonnen hatte, für Karl den Kühnen Waffen zu schmieden. Leider ist der Schreiber, der 1719 ein weiteres Inventar des Berner Zeughauses verfasst hat, sehr knapp in seinem Eintrag. Er verzeichnet lediglich: Burgunder Stück 2.

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Frauen am Rande der Geschichte
Frauen - spurlos verschwunden

Frauen als Beute

Frauen spielten bei der Versorgung der Soldaten nicht nur mit Liebesdiensten eine wichtige Rolle – denn die Heere waren zu kleinen wandernden Städten geworden. «Nach über zwei Jahren ununterbrochener Kriegführung war Karls Lager zu einer richtiggehenden Stadt angewachsen, mit Reisepavillons, einer Infrastruktur mit Waschgelegenheiten, Küche, Läden, … mit Feldkanzlei und -sakristei.» In der Berner Schillingchronik werden sie in ihren verschiedenen Rollen dargestellt. Ohne Namen finden wir sie nicht in den Archiven, in denen nur wenig Spuren von Frauen aufgezeichnet wurden.

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Liebesfreuden im Gebüsch und während der Schlacht

Die Illustrationen in der Berner Schilling-Chronik kommentieren auch die Libido der Verbündeten aus Strassburg, die sich lieber mit den gemeinen Frauen im Zelt vergnügen, anstatt im Kampf um das in Flammen stehende Blamont ihren «Mann» zu stehen. Die Strassburger, so suggeriert zumindest das Bild, kommen zu ihren sexuellen Freuden, nachdem der Kampf beendet ist und das Heer weiterzieht. Einer von ihnen vergnügt sich, nachdem er seine Wasserflasche am Brunnen wieder aufgefüllt hat, am Wegrand im Gebüsch.

Lagerfrauen verdienen sich ihren Lebensunterhalt

Der möglicherweise bevorstehende physische Kontakt zwischen Frau und Krieger ist über Körperhaltung und Blick spannungsvoll inszeniert. Es ist eine der vielen Frauen, die in Kriegsprostitution eine Erwerbsmöglichkeit sahen. Für den Dreissigjährigen Krieg mit seinen Massenheeren, die mit den Italienkriegen beginnen (welche Urs Graf hier darstellt), hat Jan Peters den Begriff des «Arbeits- und Beutepaares» etabliert. Die Frauen sind in der Regel in Begleitung eines Mannes oder einer anderen Frau dargestellt. Die Frau hier ist, im Gegensatz zu der im vorherigen Bild mit dem langen Kleid, eindeutig als Frau gekennzeichnet, die in den Krieg zog, erkennbar an ihrem hochgerafften kurzen Oberrock, ihr Dolch steckt griffbereit hinten im Gürtel.

Wer hat die Scham aus dem Bild gekratzt?

Von den 3000 Frauen in der Berner Schillingchronik haben wir keinerlei weitere Spuren, da wir sie ohne einen Namen nicht in Archiven suchen können. Es ist paradox, dass wir die Geschichten von materiellen Teilen der Burgunderbeute besser in verschiedenen Sammlungen verfolgen können, als die grosse Zahl von Frauen, die nach der Schlacht von Grandson entweder geflohen sind, nach Hause zurück gekehrt oder von den siegreichen Truppen übernommen wurden. Während die Beute mit grosser Detailfreude in den Beuterödeln aufgelistet wird, fehlen die 3000 Frauen in diesen Dokumenten.

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Neugegossene Macht

Aus alt mach neu!

Nach dem Eintreffen der burgundischen Beute nutzte die Stadt Basel die Gelegenheit, Material aus veralteten Waffen einzuschmelzen und wiederzuverwenden. Sie gab 1513 den Guss eines neuen Geschützrohrs namens «Der Drache» in Auftrag. Im Hof ​​des Zeughauses in Basel goss der berühmte Glockengießer und Gießereibesitzer Jörg von Guntheim aus Straßburg aus alten zerschlagenen Waffen eine neue Kanone für die Stadt. Auch dieses neue Geschützrohr ist - wie das von Jean de Malines - mit einem Tierkopf verziert und dürfte von der erbeuteten burgundischen Kanone inspiriert worden sein.

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Die Fragmente, die sich von den Wandmalereien erhalten haben, zeigen noch die alte Anordnung, also den Zustand bevor die neu erbeuteten burgundischen Geschütze hinzukamen. Ein gereimter Vers rühmte die Vorzüge jeder Waffe, jeweils in der ersten Person formuliert. Die Namen der älteren Geschütze lassen sich sinnbildlich auch in den Figuren erkennen, welche das Schriftbild halten. So sieht man die sogenannte Rennerin im fliegenden Galopp mit erhobener Peitsche ihrem Schriftband hinterherjagen. «Die rennerin sol man mir sprechen / wan ich muoss helffen die / raubhüser und schlo-brechen•»

Veränderte Ordnung im Zeughaus

Nach der Ankunft der neuen Geschützrohre wurden die Waffen im Zeughaus in Basel neu geordnet und neue Inschriften zwischen den symbolischen Darstellungen angebracht. An der Wand konnte man lesen: «Burgund bin ich genandt - brich Maur und Want». Neu hinzugekommen waren nicht nur die Burgunderin, das Geschützrohr aus der Werkstatt Jean de Malines, sondern auch der Drache. Ihre Inschriften hat Johannes Toniola aufgezeichnet und in seinem Werk «Die Inschriften von Basel» 1661 publizierte. Er berichtet vom Zeughaus und zitiert sieben Inschriften zu 66 dort aufbewahrten grossen Geschütze.

Kanonen, Kunst und Kanon

Das Geschützrohr aus Bronze ist um 1900 ein zentrales Ausstellungstück und wurde in der Mitte des ehemaligen Kirchenschiffs platziert und die Beute wie ein Siegeszug angeordnet. Und dennoch geht es unter inmitten der vielen Objekte, die wie ein antikes Beutemonument zusammengefügt sind. Waffen werden in dieser Zeit oft ästhetisch arrangiert und hängen aufgefächert an Wänden und in Vitrinen. Das schwere Geschütz und andere Beutestücke fügen sich dabei in eine grosse Inszenierung des Sieges über die Burgunder ein, wie eine Art Siegeszug, der sich über das ganze Kirchenschiff erstreckt.

Das Geschützrohr von Jean de Malines hat Basel bisher nur drei Mal für Ausstellungen in Bern (1969 und 2008) und Paris (2015) verlassen. Dieses Foto entführt uns in das Jahr 1969, in das erste Obergeschoss des Bernischen Historischen Museums. Die Ausstellung Die Burgunderbeute und Werke burgundischer Hofkunst öffnete 25 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa ihre Pforten. Der damalige Direktor des Museums, Robert Wyss, hatte dieses Thema zur Chefsache gemacht und die Ausstellung in Zusammenarbeit mit Florens Deuchler und anderen Experten kuratiert.

Auch in der heutigen Ausstellungssituation im Keller des Historischen Museums Basel werden alle drei Geschützrohre im selben Raum präsentiert. Dabei steht ihre militärhistorische Bedeutung im Vordergrund. Der Kontext, die Rekonstruktion des Amerbachschen Kunstkabinetts, verdunkelt für Betrachter:innen ihre Herkunft als Beutestücke und lässt die Herkunft aus dem Zeughaus am Petersplatz nur noch erahnen.

Militärische Objekte spielen – mit wenigen Ausnahmen – in der Kunstgeschichte inzwischen eine marginalisierte Rolle und befinden sich eher an den Rändern des des Kanons der Kunstgeschichte. Die Kanonen wurden aus der Kunstgeschichte ausgeschieden und in die Keller der historischen Museen verbannt. Dennoch tragen sie, massgeblich zur Konstitution von kulturellem Erbe bei. Die Leistung von kulturellem Erbe, Identität zu stiften, ist jedoch eine Geschichte voller Gewalt.